Der Fall Relotius (III)

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4. Januar 2019 von ibohnet

Vom Mythos des genialen Fälschers

Die Betrügereien des Journalisten Claas Relotius haben ein großes Medienecho hervorgerufen (siehe die Einzelnachweise im entsprechenden Wikipedia-Artikel).

Es liegen inzwischen eine Reihe äußerst interessanter Artikel vor, die den Fälschungsskandal aus allen möglichen Perspektiven ausleuchten und sehr unterschiedliche Aspekte thematisieren: Story-Telling im Gegensatz zur klassischen Reportage wird darin genauso besprochen wie die politische Dimension des Falles, bis hin zur Frage, ob mit dem Fälschungsskandal sogar ein bestimmtes journalistisches System zur Disposition steht. (Spannende Artikel mit teils sehr unterschiedlichen Ansichten, eine Auflistung der für mich interessantesten will ich gerne nachliefern.)

Was jedoch weniger hinterfragt wird, ist das Credo des genialen Schreiberlings, das Relotius zugeschrieben wurde, die literarische Kreativität, die ihm einige Kommentatoren selbst nach Enthüllung seiner Betrügereien noch attestieren.

»Relotius’ Reportagen waren fast immer spektakulär, extrem gut komponiert und geschrieben – und gewannen darum Journalistenpreise in Reihe«, schreibt beispielsweise Christian Meier in der Welt am  19. Dezember 2018.

»Gut geschrieben. Auf Kosten der Wahrheit«, betitelt der SPIEGEL eine Auswahl von Leserbriefen in Reaktion auf den Skandal.

Gero von Boehm überreichte Claas Relotius den Reemtsma Liberty Award 2017 mit den Worten: »Claas Relotius‘ Reportagen sind unglaublich detailliert ausrecherchiert und eindringlich geschildert und fast schon als Literatur zu bezeichnen. Auch wenn man dachte, schon alles gehört und gelesen zu haben, so gelingt es Relotius mit seinen herausragenden Stücken, eine weitere Tür mit neuen Erkenntnissen aufzumachen.« (Der Reemtsma Liberty Award würdigt den mutigen Einsatz deutschsprachiger Auslandskorrespondenten [sic!].)

2018 erhielt Relotius zum vierten Mal den Deutschen Reporterpreis für die beste Reportage, ein Text »von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, der nie offenlässt, auf welchen Quellen er basiert

Im selben Jahr erhielt er auch den Peter-Scholl-Latour-Preis. Der Laudator Paul-Josef Raue schwärmte, er sei bei der Lektüre »stolz gewesen, Journalist zu sein, denn besser als in dieser Reportage kann Journalismus nicht sein

Relotius’ Reportagen also extrem gut komponiert und geschrieben, von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, fast schon als Literatur zu bezeichnen, besser kann Journalismus nicht sein, bloß leider auf Kosten der Wahrheit?

Das erinnert ein bisschen an die „Genialität des Meisterfälschers“, von der auch gerne im Nachgang von Kunstfälschungsenthüllungen die Rede ist – ein Mythos, der herangezogen wird, um das peinliche Versagen derjenigen zu erklären, die einem Bluff aufgesessen sind.

In diesem Zusammenhang empfehle ich das Buch von Stefan Koldehoff und Tobias Timm: Falsche Bilder, Echtes Geld, worin der Kunsthistoriker Peter Geimer zitiert wird: Wenn sich ein Gemälde als Fälschung entlarve, dann sei es entblößt, seine Aura ausgeknipst, »dann fehlt dem Bild ein wesentlicher Bestandteil seiner Bedeutung, dann fehlt ihm seine Autorität. […] Wirft man heute einen nüchternen Blick auf die Fälschungen, so fragt man sich bei einigen der Bilder, wie diese ob ihres mangelhaften Stils überhaupt bei Experten bestehen konnten. [D]as Karikaturhafte der gelungenen Fälschung, das sich meist erst im Rückblick zeigt, [ist] auch ein Zeugnis für die Veränderlichkeit des Sehens

Und wie verhält es sich mit Claas Relotius? Hat sich seine Schreiberei mit der Enthüllung seiner Fälschungen entzaubert? Würde sie auch ohne die Aura des Authentischen funktionieren? Zum Beispiel als Literatur?

Für den Publizisten Christoph Brumme funktionierte Relotius‘ Schreibstil schon vor dem Skandal nicht. Brumme sieht in Claas Relotius einen Meister des Kitschs. »Im Kitsch erkennt man den Stil der Epoche. Kitsch ist repräsentativ, weil er von vielen geliebt wird. Er bedient Vorurteile, bestätigt Erwartungen, schönt die Wirklichkeit, verhindert Erkenntnisse, bedient die Selbstgefälligkeit

Anne Fromm und René Martens schließlich von der taz sehen das ähnlich: »Claas Relotius ist Produkt eines journalistischen Zeitgeistes, der Schönschreiben feiert.« Recherche und Quellen-Arbeit seien dagegen beim SPIEGEL seit Jahren systematisch vernachlässigt worden.

Vielleicht ändert sich das ja jetzt mit dem Fall Claas Relotius, vielleicht hilft es sogar der klassischen Reportage: weniger werteschwangerer Kitsch, mehr nüchterne Recherche!

 

 

 

 

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