Der Fall Relotius (II)

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3. Januar 2019 von ibohnet

Das Risiko einer selbstgerechten „werteorientierten Berichterstattung“ besteht nicht nur in der Gefahr, die Welt grob vereinfacht abzubilden, sondern auch darin, vorhersehbare, langweilige Texte zu produzieren

Der Fall Relotius erhitzt die Gemüter. Gründe sind nicht bloß Schadenfreude und Voyeurismus angesichts des tiefen Falls eines gerade erst aufgeschienenen Stars oder des mehrfach geborstenen Kanonenrohrs vom „Sturmgeschütz der Demokratie“ (SPIEGEL).

Der Grund liegt vielmehr an der politischen Dimension des Fälschungsskandals. Er kratzt empfindlich am Image des „werteorientierten Journalismus“, wie ihn beispielsweise Georg Restle (Chef des ARD-Politmagazins Monitor) propagiert:ein Journalismus, der entschieden Haltung zeigen soll „in tendenziell eher finster werdenden Zeiten“.  Der Skandal ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die dem Journalismus heute generell eine linksliberale Voreingenommenheit unterstellen, bei dem Berichte so weit getürkt und manipuliert würden, bis sie ins linksliberale Weltbild passen. Entsprechend verbissen verteidigen sich einzelne Vertreter oder Anhänger der angezählten Medien: Relotius sei bloß ein bedauernswerter Einzelfall.

Jetzt purzelt auch noch die Affäre des österreichischen Romancier Robert Menasse hinterher, der in seiner engagierten Verteidigung der Europäischen Union und der Europäischen Idee nicht nur Zitate des ersten EU-Präsidenten Walter Hallstein (1901 – 1982, EU-Präsident von 1958 bis 1967) verfälscht wiedergab, sondern ihn gleich auch noch die Antrittsrede 1958 auf dem Gelände des Vernichtungslagers Auschwitz halten ließ, „an dem Ort, wo man sehe, wohin der Nationalstaat geführt habe“. Die Geschichte von Auschwitz als Gründungsmythos der Europäischen Union. Klingt beeindruckend, ist aber leider ausgedacht.

Nein, der Fall Relotius ist offensichtlich kein bedauerlicher Einzelfall, sondern Ausdruck eines systematischen Problems, nämlich das einer selbstgerechten Berichterstattung. Bitte nicht missverstehen: Kritik daran bedeutet mitnichten Kritik an linksliberaler Haltung. Nur sollte man politische Haltung und Berichterstattung doch lieber bestmöglich voneinander trennen, gerade auch in (vermeintlich oder tatsächlich) „eher finster werdenden Zeiten“. (Für dezidierte Haltungsbeweise gibt es im Journalismus immer noch den klassischen Kommentar!)

Das gilt übrigens für den Journalismus genauso wie für Literatur. Literatur, die bloß schwarz-weiß-Muster zeichnet und einer vermeintlich hehren Gesinnug folgt, verliert sich in Stereotypen (das geht ja gar nicht anders). Das Ergebnis ist in der Regel nicht nur ein arg simplifiziertes, falsches Bild von der Welt, sondern es ist auch stinklangweilig zu lesen …

(Fortsetzung folgt)

 

 

 

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2 Kommentare zu “Der Fall Relotius (II)

  1. Laubeiter sagt:

    Woran machen Sie fest, dass die Doppelung von Fälschungen im Magazin Spiegel und in Büchern des Suhrkamp-Verlags erkennen liesse, dass das Problem ein sytematisches sei? Kann man nicht auch umgekehrt sagen, dass das Problem wahrgenommen und aufgeklärt wird? Was ist mit Moreno, mit Winkler? Sind sie auch Teil des Problems? Ich meine, Nein.

    • ibohnet sagt:

      Guter Punkt, über den freilich gestritten werden kann: Inwieweit ist mit der Enthüllung des Falls Relotius der Übeltäter identifiziert und das Problem gebannt? Der Spiegel, der pro-aktiv (wie es so schön heißt) in die Bütt ging und den Fall von sich aus zur Aufklärung brachte, versucht ja gerade diesen Eindruck zu erwecken. Moreno wird als Held präsentiert (der er sicherlich auch irgendwie gewesen ist, wenngleich auch Moreno in seiner Außenkommunikation befangen sein dürfte, wird er doch seinen Arbeitgeber nicht restlos vorführen wollen (denn man soll nicht die Hand beißen, die einen füttert), und alleine deshalb schon ein systematisches Problem beim Spiegel-Magazin nicht benennen und anzeigen).

      Nein, durch den Fall Relotius ist eine ganze Branche in Misskredit geraten, und deshalb ist auch diese Branche vorsichtig im Austeilen von Prügel. Wolfgang Röhl auf achgut.com beschreibt die Befangenheiten der Branche ganz wunderbar, wenngleich mit sehr viel Schaum vorm Mund.

      Abseits der Frage, ob diese Fälschungsskandale um Claas Relotius und Robert Menasse bedauerliche Einzelfälle sind, und abseits der völlig richtigen Feststellung, dass Aufklärungsaktivitäten wie die von Moreno (meinetwegen aus Eigennutz, weil sein Artikel gemeinsam mit dem von Relotius veröffentlicht wurde und er nicht durch Enthüllung eines Dritten Gefahr laufen wollte, am Ende blamiert neben Relotius zu stehen) oder die Enthüllung durch den Historiker Winkler (dem es wiederum weniger um die falschen Zitationen von Menasse zu gehen schien, sondern um Widerlegung von Menasses verquaster Argumentation für ein Europa wider den Nationalstaaten), also abseits der Frage ob hier die Fälschung durch Einzelne erfolgt ist oder durch ein System aus Tätern & Mittätern & Mitwissern, drängen sich meines Erachtens zwei weitere, möglicherweise interessantere Fragen auf, nämlich erstens: inwieweit das Genre des Storytellings hier „systematisch“ zur mehr oder weniger umfangreichen Fälschung einlädt. Und zweitens, ob nicht hier ein haltungsorientierter, um nicht zu sagen ideologisierter Journalismus den Boden bereitet für Reportagen (à la Relotius) oder Essays (à la Menasse), in der die Wirklichkeit (was immer das ist) in ein durch Haltung gefügtes Weltbild gepresst wird. … Ich schreibe dazu einen weiteren Blog-Beitrag, in dem ich auch auf drei interessante Artikel in der WOZ, der SZ und der Berliner Zeitung zu diesem Zusammenhang hinweisen möchte … Viele Grüße – Ilja Bohnet

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