Relotius & Menasse – Problem erkannt, Gefahr gebannt?

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12. Januar 2019 von ibohnet

Inwieweit ist mit Entlarvung von Claas Relotius und Robert Menasse als Geschichtenerzähler die Gefahr für den deutschen Journalismus gebannt und die Glaubwürdigkeit wiederhergestellt? Gibt es vorher nicht noch etwas zu klären?

Menasse hatte einen hanebüchenen Gründungsmythos der Europäischen Union erfunden und diesen jahrelang und mit moralinsaurer Betroffenheit auf Podiumsreden und in Essays kolportiert: Der erste EU-Präsident Walter Hallstein hätte seine Antrittsrede 1958 auf dem Gelände des Vernichtungslagers Auschwitz gehalten, um ein Zeichen gegen Nation und Nationalismus zu setzen, und schrecklicherweise würde sich heute niemand mehr getrauen, daran zu erinnern.

Vom Betrugsfall des vielfach preisgekrönten jungen Reporters Claas Relotius, dessen süffig-verkitschten Geschichten im bürgerkriegsverheerten Syrien oder an der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko „spielten“, ist nicht nur das SPIEGEL-Magazin betroffen, wo Relotius zuletzt als festangestellter Redakteur tätig war, sondern mit NZZ, FAS, ZEIT, WELT, taz, Cicero und so weiter zahlreiche weitere renommierte Journale (wenngleich in viel schwächerem Ausmaß als der SPIEGEL) – praktisch die Creme de la Creme des deutsch(sprachigen)en Journalismus, für die Relotius beflissen Reportagen und Interviews fakte.

Beide sind ihrer Taten überführt, Menasse hat, vielleicht auch, um sich nicht die nächste Preisauszeichnung zu verbauen, gemeinsam mit Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer Abitte getan, von Relotius gibt es inzwischen eine Entschuldigung, die über seine Anwälte veröffentlicht wurde.

Doch ist damit das Problem gebannt? Keine Geschichtsklitterung mehr? Keine verkitschten Reportagen über den Kampf von Gut und Böse?

DER SPIEGEL, der pro-aktiv (wie es so schön heißt) in die Bütt ging und den Fall von sich aus zur Aufklärung brachte, versucht ja gerade diesen Eindruck zu erwecken. Juan Moreno, der Enthüller, wird als Held präsentiert. Das wird er sicherlich auch irgendwie gewesen sein, ein Reporterheld, obwohl auch ein Moreno in seiner Außenkommunikation nicht ganz unbefangen sein dürfte, wird er doch seinen Arbeitgeber nicht restlos vorführen wollen (man darf ja nicht die Hand beißen, die einen füttert), und alleine deshalb wird Moreno etwaige systematische Probleme beim SPIEGEL-Magazin nicht benennen und anzeigen.

Nein, durch den Fall Relotius ist eine ganze Branche in Misskredit geraten, eine Branche, die gegen Internet und soziale Medien ohnehin schon einen beinharten Abwehrkampf führt. Und nun noch obendrauf diese unglückliche Zertifizierung für die hausgemachten Fake News. Deshalb ist die Branche ganz offensichtlich vorsichtig im Austeilen von Prügel. Häme und Beißwut wie beim STERN-Skandal wegen der gefälschten Hitler-Tagebücher vor knapp 35 Jahren sei viel größer gewesen, heißt es. Der Publizist Wolfgang Röhl auf achgut.com beschreibt die Befangenheiten der Branche wohl sehr treffend, wenn auch mit sehr viel Schaum vorm Mund und wenig Mitgefühl.

Abseits der Frage, ob diese Fälschungsskandale um Claas Relotius und Robert Menasse nun bedauerliche Einzelfälle sind, und abseits der völlig zutreffenden Feststellung, dass Aufklärungsaktivitäten wie die von Moreno (meinetwegen aus Eigennutz, weil sein Artikel gemeinsam mit dem von Relotius veröffentlicht wurde und er nicht durch Enthüllung eines Dritten Gefahr laufen wollte im „sinking ship“ mitunterzugehen) oder die des Historikers Heinrich August Winkler (dem es wiederum weniger um die falschen Zitationen von Menasse zu gehen schien, sondern um Widerlegung von Menasses verquaster Argumentation „für ein Europa wider den Nationalstaaten“), also abseits der Frage, ob für besagte Fälschungen bloß Einzelne verantwortlich sind oder ein System aus Tätern & Mittätern & Mitwissern in Haftung genommen werden muss, drängen sich meines Erachtens drei noch brisantere Fragen auf:

  • Erstens: Inwieweit ist das Genre des Storytellings grundsätzlich anfälliger für Fälschungen als andere Formate, ist es als journalistisches Genre verbrannt?
  • Zweitens: Inwiefern ist ein haltungsgetriebener Journalismus („Haltung zeigen“), der sich erklärtermaßen in Antagonie zu nationalistischen Akteuren versteht, mitverantwortlich für angepasste Reportagen oder manipulierende Essays, deren Schilderungen und Erzählungen sich gefällig in ein feststehendes Weltbild einfügen?
  • Drittens: Inwieweit bedient ein derart verzerrtes Abbild der Wirklichkeit à la Relotius oder Menasse auf geschmeidige Weise die Erwartungshaltung von Redaktion, Leserschaft und Preiskomitees? Oder anders gefragt: Welche Mitverantortung trifft die beglückten Leser dieser Texte?

Nachfolgend ein paar interessante Artikel zu diesen drei Fragen:

  • Felix Stephan setzt sich in einem Artikel in der SZ mit dem Literarischen an guten und dem Ärgerlichen an schlechten Reportagen auseinander und sagt, weshalb der Roman für ihn – trotz der Skandale – keine Alternative für die Reportage darstellt.
  • René Martens hat im Altpapier zehn Fragen zu dem Fall Relotius und dessen Reportagen und rät, zukünftig mehr Komplexität zu wagen.
  • Götz Aly fragt in der Berliner Zeitung, wer bitteschön den Fälscher Claas Relotius mit Preisen überschüttet hat?
  • Helmut Markwort, der selbst zu einem der düpierten Preiskomittees gehört hat, die Relotius auszeichneten, beschreibt im Fokus seine Eindrücke, weshalb ihm die Artikel von Relotius nicht gefielen warum er eine klare Mitverantortung beim SPIEGEL-Magazin sieht.
  • Jörg Thadeusz, ebenfalls ein Mitglied eines Preiskomitees, das Relotius‘ Schaffen als herausragend würdigte, sieht den Grund für Relotius‘ Erfolg in der süffigen Bestätigung eines festgefügten Weltbilds, das dem überwiegenden Teil der Komiteemitglieder zu eigen sei.
  • Kaspar Surber schließlich in der WOZ sieht in dem Fälschungsskandal um Relotius eine Chance, nämlich den Realitätsbegriff im Reportagestil neu zu bestimmen.

Mit dieser Verheißung von Surber endet die Presseschau rund um die Affären Relotius und Menasse – aber nur fast. Denn schließen möchte ich mit dem Hinweis eines Freundes, Prof. Johann N. Schmidt, der mir bei der Auswahl eines Tischweines vor vielen Jahren riet, es doch mal mit einem österreichischen Wein zu probieren.

Denn seit dem Weinpansch-Skandal in Österreich 1985, der für viele Winzer in Österreich den Konkurs bedeutete, hat sich die Branche dort wieder berappelt, seitdem ist der österreichische Wein ganz vorzüglich!

Hoffen wir dasselbe für den deutschen Journalismus. Zum Wohl!

PS: Das Schmidtsche Zitat erfolgt übrigens sinngemäß, nicht im Wortlaut …

 

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