The Clash of Cultures

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14. September 2020 von ibohnet

Wie einmal die Naturwissenschaft gegen die Geistesweissenschaft anlief – ein Gespräch mit dem Anglisten und Philologen Johann N. Schmidt über die provokante These des C. P. Snow: „The Two Cultures“ …

Ilja Bohnet: C. P. Snow und seine „Two Cultures“. Was ist seine These?

Johann N. Schmidt: Die Frage bezieht sich auf eine Rede, die C. P. Snow im Mai 1959 in Großbritannien gehalten hat. Snow war britischer Physiker, Wissenschaftsadministrator und damals an der Universität Cambridge. Seine Rede sollte tatsächlich über viele Jahre sehr leidenschaftlich diskutiert werden. Sie trug den vielsagenden Titel: „Die zwei Kulturen und die wissenschaftliche Revolution.“ Diese Rede erschien sodann im Druck, eine sehr polemische Streitschrift, die sich auch sehr plakativer Thesen bedient. Und ihre These besteht im Wesentlichen darin, dass sich eine immer unüberbrückbarere Kluft zwischen zwei Kulturen gebildet haben. Diese Kluft betrifft auf der einen Seite die Geisteswissenschaften, und auf der anderen Seite die technischen Wissenschaften und Naturwissenschaften. Und ein Dialog zwischen diesen beiden Wissenschaften sei unter den gegebenen Voraussetzungen nicht mehr möglich. Großbritannien präsentiert sich als eine alternde Gesellschaft, die sich im Namen eines falschen Traditionsbegriffs vehement gegen den Fortschritt wendet, und damit auch den Anschluss an die Gegenwart verliert. Das war im Wesentlichen die These von C. P. Snow. Wichtig ist hier vielleicht, den historischen Kontext zu skizzieren. Sie entstand in einer Zeit der Entstehung der Polytechnischen Schulen und auf technische Ausbildung bedachten Colleges, die auf einen reformerischen Pragmatismus eingestellt waren. Im Gegensatz zu den Universitäten mit ihren Literaturwissenschaftlern. C. P. Snow wollte, dass die Nation technologisch und ökonomisch durch eine naturwissenschaftliche Revolution vorangebracht wird. Und eben diese Teilnahme am Fortschritt der Menschheit sei Großbritannien durch die Vertreter einer literarisch geprägten Kultur verwehrt.

Ilja Bohnet: Wie wurde seine These rezipiert?

Johann N. Schmidt: Es gab einen lauten Knall. Die These wäre vielleicht gar nicht so bekannt geworden, wenn es nicht eine ganz scharfe Gegenpolemik von dem Literaturwissenschaftler Frank Raymond Leavis gegeben hätte. Er hat damit eine ganz heftige Debatte entfacht. Leavis war einer der führenden Literatur- und Kulturwissenschaftler des Landes. Er sah seine Funktion als streitbarer Bewahrer einer großen Tradition. Er hat seine strengen Maßstäbe ganz vehement verteidigt und sah sich unverzichtbaren, kritischen Standards verpflichtet. Er selbst pflegte eine Art „organischen Kulturbegriff“, der sich von einer ganzheitlichen Lebensauffassung ableitet. Er sah sich damit als einen direkten, polemischen Gegenpol zum Materialismus und der Technikgläubigkeit einer modernen Zivilisation, und stellte seine schöpferische Intuition und seine ästhetischen Vorbilder der These von C. P. Snow entgegen. Er hatte ein missionarisches Sendungsbewusstsein, das ihn gleichsam zu einem sehr gleichrangigen Gegenspieler von Snow machte. Die gesellschaftliche Nützlichkeit von Snows Thesen hat er entsprechend vehement abgelehnt. Ihm ging es um die Bewahrung eines traditionellen Bildungssystems.

Ilja Bohnet: Und wie ist das heute, ist das Pendel nicht umgeschlagen?

Johann N. Schmidt: Ja, es ist in gewisser Weise umgeschlagen, aber nicht in dem Sinne, dass sich beide Disziplinen vehement befehden, sondern dass sie durchaus gleichwertig nebeneinanderstehen können. Man muss die These von Snow und die Polemik von Leavis in ihrem historischen Kontext sehen. Harold Wilson, der damals für das Premierministeramt kandidierte, hat dann auf dem Parteitag der Labour Party 1963 eine technisch-wissenschaftliche Revolution versprochen. Und diese Revolution wollte er voranbringen mit einem eigens gegründeten Ministerium, dem dann C. P. Snow als Staatssekretär angehörte. Es ist eine Kontroverse, die für mich eigentlich der Vergangenheit angehört.

Vielleicht kann ich abschließend noch sagen, dass sich eine freundliche Beilegung des Konflikts sozusagen in dem Roman „Nice Work“ aus dem Jahr 1988 von David John Lodge findet, worin der Manager eines Industriebetriebs und eine auf industrielle Romane spezialisierte Dozentin aufeinandertreffen, und beide verlieben sich.

Ilja Bohnet: Also eine Paarung der „Two Cultures“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Nachtrag: In dem Buch „The Third Culture“ von 1996, das auf Beiträgen von verscchiedenen renommierten Wissenschaftlern besteht, greift der Herausgeber John Brockman die optimistische These von C. P. Snow auf, dass zukünftig eine neue Generation von Wissenschaftlern die Kommunikationslücke zwischen den zwei traditionellen Kulturen schließen würde. Aber Brockman zufolge sei als dritte Kultur insbesondere der Versuch zu sehen, Antworten zu den sogenannten „letzten Fragen“ der Wissenschaft einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Vielen Dank für dieses Gespräch. (11. September 2020)

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