Science-Fiction: Zwischen Fiktion und Wissenschaft

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12. September 2020 von ibohnet

Der Versuch einer Begriffsbestimmung, zudem werden ein paar Heroen der Science-Fiction Literatur vorgestellt und untersucht, ob ihre Fähigkeit darin besteht, technische wie gesellschaftliche Entwicklungen vorherzusagen …

Nach dem Publizisten Eike Barmeyer ist Science-Fiction schlicht eine exemplarische Massen- und Unterhaltungsliteratur, Bestandteil der Unterhaltungsindustrie, wenn auch ihre Möglichkeiten über die Unterhaltungsliteratur hinausweisen.

Für den Autor Kingsley Amis ist Science-Fiction Erzählprosa, die eine Situation so darstellt, wie sie sich in der Realität nicht ereignen kann. Vielmehr wird eine Situation hypothetisch angenommen, die auf der Basis einer Erfindung in Wissenschaft oder Technik (oder Pseudowissenschaft oder Pseudotechnik) beruht und die menschlichen oder außermenschlichen Ursprungs sein kann.

Nach Dieter Hasselblatt entwirft Science-Fiction keineswegs Zukunft, sondern Alternativen. Sie springt in die andere Wirklichkeit, sie meint nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart. Man sollte Science-Fiction nicht in Hinblick auf Zukunft lesen, sondern im Hinblick auf Möglichkeiten.

Nach Juri Michailowitsch Lotman beschreibt die Horrorliteratur im Roman zuerst die reale Welt und dann, wie in diese ein dahinter liegender übernatürlicher Kosmos mit Gespenstern und Dämonen einbricht, deren Existenz ja die reale Welt negiert. Fantasy dagegen, zumindest in ihrer genuinen Form, zeigt nur eine nicht reale Welt ohne Bezüge zu unserem lebensweltlichen Kosmos. Schauplatz, Zeit und Figuren dieser Romane sind ohne Bezug zur Erfahrung des Lesers. Der Autor schafft hier sein eigenes System von Wahrheiten, dass keine empirische Grundlage mehr besitzt. Science-Fiction entwirft eine nicht reale Welt, in der aber Elemente der Lebenserfahrung des Lesers, nur weitergedacht und in die Zukunft verlegt, ihren Platz haben.

Die Sci-Fi Autorin Ursula Kroeber Le Guin meint, dass Science-Fiction nicht vorhersagt, sie beschreibe. Sie kommt zu dem Schluss: Alle belletristische Literatur ist eine Metapher, auch die Zukunft ist eine. In der Literatur ist die Zukunft eine Metapher.

Der Schriftsteller Jules Verne, einer der ersten, der dem aufkommenden Science-Fiction Genre zuzurechnen ist, hat über seinen Schriftstellerkollegen und Zeitgenossen H. G. Wells gesagt: Wir gehen nicht auf die gleiche Weise vor. Mir fällt auf, dass einige Schichten nicht auf sehr wissenschaftlichen Grundlagen beruhen. Nein, es gibt keine Beziehung zwischen seiner Arbeit und meiner. Ich bediene mich der Physik. Er erfindet. Ich Reise zum Mond in einer Kugel, die seiner Kanone geschossen wurde. Hier ist keine Erfindung. Er dagegen geht auf den Mars [sic!]. In einem Luftschiff, dass er konstruiert hat aus einem Metall, das sich nicht mit dem Gesetz der Schwerkraft fortbewegt. Ça, c’est très joli.

Jules Vernes fantastischen Romane gelten heute als verstaubt und eigentlich auch nicht mehr als echte Science-Fiction, sondern eher als romantische Visionen im Fin de Siècle des 19. Jahrhunderts. Aber wie ist das mit H. G. Wells? Karlheinz Steinmüller, Zukunftsforscher, der zusammen mit seiner Frau Angela Steinmüller viele Science-Fiction Romane geschrieben hat, kommentiert dessen Schaffen wie folgt: Wells, der politische Journalist und Zukunftsforscher, der Autor sozialkritischer Romane und der belletristische Sozialreformer und Propagandist des Weltstaats, ist heute fast so vergessen, wie die Reformprojekte, denen er anhing. Wells, der visionäre Autor spekulativer und dramatischer Science-Fiction, hat seine Zeit dagegen überlebt.

Haben also Science-Fiction Autoren gar keine Verbindung zur Wissenschaft? Kein besonderes Gefühl für die Entwicklung von Technologien und Gesellschaften in der Zukunft? Wie schätzen Sie sich selbst ein und ihr Verhältnis zur Wissenschaft?

Eine Haltung dazu illustrieren vielleicht die drei Prämissen des amerikanischen Schriftstellers Arthur C. Clarke: (1) Stellt ein erfahrener disziplinierter Wissenschaftler fest, dass etwas möglich ist, dann hat er fast mit Sicherheit recht. Behauptet er etwas sei unmöglich, dann hat er sich sehr wahrscheinlich geirrt. (2) Alles was theoretisch möglich ist, wird technisch auch realisiert. (3) Jede genügend weit entwickelte Technologie ist nicht mehr von Zauberei zu unterscheiden.

Von dem polnischen Science-Fiction Autor und Kybernetiker Stanisław Lem gibt es dagegen das Bonmot: Ich muss übrigens bekennen: die Zukunft beschäftigt mich nur als Menschen, der sich für die Wissenschaft interessiert. Als Schriftsteller bewegt mich nur die Gegenwart, das heute.

Der amerikanische Autor Bruce Sterling sagt: Unser Zeitalter steht meines Erachtens vor großen Veränderungen. Da ist einerseits ein analoges System, das unseren Eltern gehörte und mittlerweile von Einschusslöchern durchsiebt ist – Gothic Hightech. Das andere Symbol sind die Favelas-Slums: Die informalisierte, legalisierte, hoch-vernetzte Struktur der neuen Ordnung, die sich gerade bildet. Aber: Zeitlosigkeit ist eine Geschichtsphilosophie mit eingebautem Verfallsdatum. Sie wird nicht ewig währen, und ist keine perfekte Erklärung, sondern eine ungewisse Erklärung für ungewisse Zeiten.

Mitunter sind Science-Fiction Romane auch von ihrer Form her sehr experimentell. So unternahm der Science-Fiction Autor Andreas Eschbach mit „Exponentialdrift“ den Versuch eines Fortsetzungsromanexperiments, bei dem die Handlung der wöchentlich über den Zeitraum eines Jahres in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienenen Geschichte auf tagesaktuelle Ereignisse Bezug nahm und sich auch davon beeinflussen ließ.

Versuch eines Fazits: Science-Fiction gibt nicht Auskunft über die Zukunft, sondern über die Gegenwart. Und darin liegt ihre eigentliche Stärke. Sie sagt in der Regel keine technologischen Entwicklung voraus, und selbst wenn, dann ist eine zutreffende Vorhersage kein Qualitätsmerkmal dieser Literaturform. Weder bereitet die Science-Fiction die Menschen auf die Zukunft vor, noch verhilft sie zu einem besseren Verständnis von Innovation oder zeigt potentielle gesellschaftliche Entwicklungen auf. Nichtsdestotrotz liefert die Science-Fiction Bilderwelten, die von ungeheurer Ausstrahlungskraft sind und ganz wesentlich zur Popularisierung von Naturwissenschaften beitragen und selbstverständlich auch Naturwissenschaftler ganz stark inspirieren können.

Zum Schluss noch ein Zitat von dem Anglisten und Philologen Johann N. Schmidt: Wenn es ein eindeutiges Spannungsfeld zwischen empirisch bestimmbarer Realität (Wissenschaft) und spekulativer Realität (Fiktion, Belletristik) gäbe, wäre ja alles wunderbar. Aber leider lebt auch die empirisch bestimmbare Realität der Wissenschaft von Fiktionen und erweist sich umgekehrt die spekulative Realität hin und wieder als durchaus empirisch haltbar. Das Spannungsfeld entsteht meines Erachtens eben gerade daraus, dass die einfachen Bestimmungen – hier empirisch, dort spekulativ – nicht ganz so einfach aufzulösen sind. Oder bräuchten wir denn sonst überhaupt Science-Fiction, wo der Widerspruch schon im Begriff verordnet ist?

(Quelle des Blog-Beitrags ist eine Vorlesung am DESY über Science-Fiction – zwischen Wissenschaft und Fiktion – ein Genre in seinen Grenzen und Möglichkeiten, Hamburg, 2010.)

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