Erinnern Sie sich an den 9. November 1989?

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15. Oktober 2014 von ibohnet

Ilja Bohnet im Interview mit Dr. Nikola Rührmann, Gründerin und Vorsitzende der Stiftung zur Rettung der Welt – eine Stiftung zur Förderung des literarischen Schreibens.

Nikola Rührmann: Lieber Ilja Bohnet, erinnern Sie sich an den 9. November 1989?

Ilja Bohnet: Ist das nicht die Eingangsfrage aus dem Kriminalroman „Freitags isst man Fisch“, der davon handelt, wie Sie, liebe Frau Nikola Rührmann (alias Nikolaus, Niko, Nik, Sput-Nik oder Laus) im regnerischen Sommer 1989 in ein ziemlich kriminelles Schlamassel hineinschliddern?

Nikola Rührmann: Das wissen Sie besser als ich, denn Sie haben doch diesen Satz geschrieben. Wie auch den nächsten. Der 9. November 1989 sei einer der Tage, bei denen jeder Mensch auch nach Jahrzehnten noch wüsste, was er damals gemacht hat.

Ilja Bohnet: Interessanterweise begreift man geschichtliche Ereignisse und ihre gesellschaftspolitischen Auswirkungen häufig erst im Nachhinein. Natürlich erinnere ich mich an den 9. November 1989. Die Erschütterung des Mauerfalls war ja förmlich bis nach Hamburg zu spüren. Aber die historische Tragweite dieses Tages habe ich nicht erkannt. Vielleicht auch gar nicht erkennen wollen. Ich war eingebettet (um nicht zu sagen „eingepökelt“) in einem jugendlich-studentisch-autonomen Milieu, politisch total korrekt, das sich in den Denkstrukturen des Kalten Krieges bestens und nicht ohne viel Pathos eingerichtet hatte. Das war sicher nicht falsch oder verwerflich. Aber naja. Und es spiegelte eben nur eine persönliche und sehr eingeschränkte und überdies zeitlich stark befristete Lebenswirklichkeit. Sven Regener beschreibt dieses studentische Milieu und ihr Zeitkolorit in seinem Buch „Herr Lehmann“ recht passend. Wenn „Freitags isst man Fisch“ so etwas wie eine Momentaufnahme der Bohemiens im Frühsommer 1989 in Hamburg darstellt, dann markiert „Herr Lehmann“ gewissermaßen den Endpunkt dieser Szene am 9. November 1989 in West-Berlin.

Nikola Rührmann: War denn diese Szene nach dem 9. November verschwunden?

Ilja Bohnet: Natürlich nicht. Aber sie veränderte sich. So, wie sich die gesamte Gesellschaft veränderte. Unmerklich in kleinen Schritten, aber wenn man mit zeitlichem Abstand auf die Dinge schaut, ist man überrascht. Nicht nur, wie (schlecht) die Leute angezogen waren. Der Zusammenbruch des Sowjetimperiums und des Kommunismus (zumindest in Europa) im Jahr 1989/90 bedeutete das Ende einer Epoche, die über Jahrzehnte und trotz aller Veränderungen, einschließlich der kulturellen Turbulenzen der sechziger Jahre, immer im Zeichen der politisch-ideologischen Polarität von West und Ost gestanden hatte.

Nikola Rührmann: Dem Schicksalstag waren im Mai 1989 heftige Ereignisse vorausgegangen, erst der Skandal um die manipulierten Kommunalwahlen in der DDR, dann der Abbau der Grenzanlagen in Ungarn, der die Flüchtlingsströme aus der DDR zur Folge hatte, schließlich die anwachsenden Protestdemonstrationen in Leipzig, Dresden, Berlin und andernorts in der DDR. Die SED-Führung versuchte verzweifelt, auf diese dramatische Entwicklung zu reagieren, lief ihr aber hoffnungslos hinterher. Zu welchem Zeitpunkt dachten Sie, Herr Bohnet, an die Möglichkeit einer Wiedervereinigung?

Ilja Bohnet: Ich fürchte, ich habe damals wenig nachgedacht. Die Verhaltensmuster und Denkkategorien, denen ich szenebedingt anhing, waren nicht sonderlich komplex, jedenfalls enthielten sie keine pluralen Ansätze. Aber mit dieser eher eingleisigen Sicht auf die Dinge stand ich wahrscheinlich nicht allein da, ich denke, dass mein persönliches Verhalten und Erleben während dieser weltbewegenden Ereignisse symptomatisch war und sehr stereotypisch dem einer breiten, linksliberalen westdeutschen Öffentlichkeit entsprach. Die Linken in der Bundesrepublik, von den Autonomen bis hin zu den Sozialdemokraten und Liberalen, hatten ein Riesenproblem mit dem Begriff der „Deutschen Nation“, was ja auch nicht von ungefähr kam (die rechtsradikale Seite der wiedervereinten deutschen Nation zeigte spätestens im Herbst 1990 ihre häßliche Fratze, man erinnere sich nur an die Ermordung des Amadeu Antonio Kiowa). Wie auch immer, das Denken der Linksliberalen 1989 (als erklärte Anti-Deutsche) war fest verschweißt und konserviert in den Machtverhältnissen der politischen Blöcke. Irgendwie hatte damit alles seine Ordnung. Dementsprechend fassungslos reagierte diese sich selbst als aufgeklärt und intellektuell verstehende, linksliberale Öffentlichkeit auf den Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus. Bevor sie sich eine Meinung bilden konnte, wurde sie von den Ereignissen, dem Mauerfall und der Wiedervereinigung im Galopp überrollt. Symptomatisch für diese reaktive, abwehrende Haltung ist für mich der aus heutiger Sicht bizarr anmutende Kommentar von Erich Böhme (der ihm später selbst hochgradig peinlich war), worin er am 30. Oktober 1989, kurz vor der Maueröffnung, als Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ die Angst vor dem „Vierten Reich“ heraufbeschwört („Ich möchte nicht wiedervereinigt werden“). Als sei der Status-quo 1989 erhaltenswert gewesen (mal abgesehen davon, dass sich Erich Böhme ein Jahrzehnt später mit der DDR-Nachrichtensprecherin Angelika Unterlauf liierte, es für ihn persönlich also durchaus zu einer deutsch-deutschen Wiedervereinigung gekommen ist – was ihm von Herzen gegönnt sei). Rudolf Augstein, Herausgeber des Nachrichtenmagazins, gab eine Woche (noch vor dem Mauerfall) daraufhin die leidenschaftliche Antwort: „Warum eine Mauer mitten durch Deutschland, wo doch alle Mauern bis zum Ural fallen sollen? Warum ein geteiltes Berlin, wo doch für Jerusalem trotz aller ethnischen und Annexionsprobleme gelten soll und gelten wird: Zweigeteilt? Niemals. […] Dies falsche Gewicht wird die junge Generation, weil das nämlich nichts mit Auschwitz zu tun hat, nicht mehr mittragen.“ Aber er gehörte unter den Linksintellektuellen zu einer Minderheit.

Nikola Rührmann: Was waren die Gründe für den fehlenden Patriotismus in der linken, westdeutschen Öffentlichkeit?

Ilja Bohnet: Die zwölf Jahre der finstersten deutschen Nationalgeschichte. Die Sorge vor einem neuem deutschen Nationalismus. Die Angst, dass der europäische Einigungsprozess durch die Wiedervereinigung aus dem deutschen Blickfeld geraten könnte. Die Befürchtung, die Reformbewegung der Sowjetunion (unter Gorbatschow) würde geschwächt oder untergraben, sie könnten gar in aggressive Reaktionen umschlagen? Vor allem aber das grundsätzliche Problem der Deutschen mit „Patriotismus“. Die „aufgeklärten Deutschen“ schämten sich für ihr „Deutschsein“. Man war Hamburger, Münchner, Berliner, aber eben nicht Deutscher (das „deutsch“ in seiner ursprünglichen Bedeutung nicht volksspezifisch gemeint ist, sondern sich etymologisch auf die Gemeinschaft der deutsch Sprechenden bezieht, wissen auch heute nur die Wenigsten). Die westdeutschen Intellektuellen glaubten, das romantische Nationalgefühl, das im Fall der Deutschen fatale Entwicklungen genommen hatte, erfolgreich überwunden zu haben, entsprechend emotional reagierten sie auf jede Gefühlsregung in diese Richtung, sahen darin einen gefährlichen Revanchismus, der zu einem neuen Ausschwitz führen müsste. Kongenial drückt sich diese Kontroverse in dem erst im Nachhinein publizierten Briefwechsel zwischen den Sozialdemokraten Peter Glotz und Klaus von Dohnanyi aus, der entstanden ist, nachdem sich letzterer eine Woche nach dem Mauerfall im Magazin „Stern“ öffentlich für eine klare Positionierung der SPD zugunsten einer Wiedervereinigung ausgesprochen hatte. Die SPD drohe sonst die „konzeptionelle Führung unserer Außenpolitik zu verlieren“. Von Dohnanyi sah die Wiedervereinigung als zwangsläufige Folge des Umbruchs in der DDR. Für ihn war die Teilung nicht mehr haltbar, sondern ein „widernatürlicher“ Zustand, der nach dem Mauerfall groteske Auswüchse annehmen würde: „Wollen wir die Zuwanderung aus Schwerin und Halle verbieten oder quotieren, aber aus Sevilla und Neapel im Rahmen der EG unbegrenzt erlauben? […] In Berlin am Potsdamer Platz auf Jahre (Jahrzehnte?) eine Zollgrenze, das alles stimmt nicht. Und was nicht stimmt, das hält auch nicht.“ Glotz dagegen lehnte die Wiedervereinigung strikt ab, wenngleich er sie auch nicht für völlig ausgeschlossen hielt: „Falls die Bürger der DDR wirklich den ‚Anschluss‘ wollen, die Sowjets ihnen einen solchen Anschluss erlauben und die Westmächte ihn auch noch uns erlauben – dann wird diesen Anschluss kein Mensch aufhalten. Dann könnten wir Sozialdemokraten lange reden; wir können schließlich nicht unsererseits eine Mauer aufbauen“. Was er offenbar zu bedauern schien. Bemerkenswert ist hier (ich zitiere aus dem Begleittext der Bundeszentrale für politische Bildung, der ich die Originalzitate der beiden Politiker entnommen habe), dass Glotz diesem (kurze Zeit später tatsächlich eingetretenen) Szenario keine große Wahrscheinlichkeit zumaß. Er war offenbar ebenso blind für die unaufhaltsam fortschreitende Entwicklung, wie der Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine, der 1990 mit den Schlagworten „Alle Atomwaffen aus Deutschland abziehen, Waffenexporte grundsätzlich verbieten, auf den Jäger 90 verzichten, und: die Dauer des Zivildienstes der des Wehrdienstes angleichen“ in den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlkampf trat (siehe dazu auch Daniel Friedrich Sturms Artikel „Uneinig in die Einheit – Wie Lafontaine und seine Gesinnungsfreunde die Sozialdemokratie 1989/90 ins Desaster manövrierten„)

Nikola Rührmann: Was lernt man daraus?

Ilja Bohnet: Bestimmt, dass der Blick auf geschichtliche Ereignisse oftmals im Nachhinein klarer wird. An der gegenwärtigen Rezeption des historischen Ereignisses – 25 Jahre Mauerfall– erstaunt mich wiederum, dass diese gebrochene, zwiespältige Haltung der linksliberalen, bundesdeutschen Öffentlichkeit gegenüber der deutschen Wiedervereinigung nicht stärker im Rückblick thematisiert wird. (Linksliberale der DDR dachten ganz anders: entweder sie träumten von einer „Reform des Sozialismus“ (von Christa Wolf bis Bärbel Bohley), oder von einer Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten auf Augenhöhe (wie bspw. Werner Schulz), also einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten nach Artikel 146 des Grundgesetzes, statt eines Anschlusses an die Bundesrepublik nach dem Beitrittsartikel 23.

Nikola Rührmann: … der aber schlussendlich genauso erfolgt ist. Der Beitritt der DDR in die Bundesrepublik war ein Ergebnis, das von einem Teil der Oppositionellen der ehemaligen DDR und insbesondere den Wortführern des gewaltlosen Volksaufstands ursprünglich nicht beabsichtigt war.

Ilja Bohnet: Ein „offener, demokratischer Sozialismus“ – dieses alte Ideal des humanistischen linken Lagers -, eine Gesellschaftsordnung, in der die sozialen Errungenschaften der DDR bewahrt blieben, verdiente nach Auffassung vieler den Vorzug, auch als Gegengewicht zur liberal-kapitalistischen Bundesrepublik. Ich halte es da ganz mit dem Kuturwissenschaftler Hermann W. von der Dunk, der sagt, dass hinter dem Ideal eines „offenen, demokratischen Sozialismus“ weder eine bedeutende historische Tradition stand noch ein System mit gesundem wirtschaftlichem Fundament oder eine gut organisierte Anhängerschaft.

Nikola Rührmann: Wie wir wissen, hatte der Sog des westdeutschen Wohlstands, durch die starke D-Mark symbolisiert, die größere Kraft.

Ilja Bohnet: Interessant ist (und jetzt will ich einen vielleicht unkonventionellen Gedanken wagen), dass die heutige russische (Putinsche) Politik nicht stärker vor dem Hintergrund dieser geschichtlichen Ereignisse gesehen wird. Waren die Ängste der Linksliberalen gegenüber dem Einheitsstreben der DDR-Bevölkerung, dieses könne Russland in eine gefährliche Isolation bringen, vielleicht nicht gänzlich unberechtigt? Oder anders gefragt: wie stark isoliert heute die europäische Union den wieder großgewordenen Riesen Russland? Eine Frage, die meines Erachtens zu selten gestellt wird.

Nikola Rührmann: Zum Schluss zurück auf Eins: Erinnern Sie sich an den 9. November 1989?

Ilja Bohnet: Ja. Ich saß nachts allein auf meinem Hochbett in meiner Studentenbude vor meinem kleinen Schwarzweiß-Fernseher und schaute Nachrichten, sah die Bilder von den Menschenmassen, wie sie durch die Grenzübergänge drängten, vorbei an den entrückt dreinschauenden Grenzsoldaten, über die Mauer stiegen, sich auf der Westseite umarmten und sich freudestrahlend zujubelten. Unbeobachtet von meiner vermeintlich „politisch korrekten“ Szene, und frei von oktroyiertem Schamgefühl begann ich ganz spontan vor Freude zu weinen.

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