ArGL… (III)

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29. November 2022 von ibohnet

oder ein Blick auf die europäische Comic-Hauptstadt

»Um acht Uhr gingen sie gemeinsam zum Boulevard Auguste-Blanqui ins Gewerkschaftshaus, wo der Club der Freidenker eine Diskussion zum Thema: „Wer ist schuldig? Die Gesellschaft oder der Verbrecher?“ veranstaltete. Nach der Konferenz gingen sie ins Heim der Vegetalier und redeten bis spät in die Nacht. Unterbreitete Lenantais seinen Freunden bei dieser Gelegenheit seinen utopischen und großartigen Plan?« Just an diese Szene musste denken, als wir in einer kleinen Gruppe aus Kommilitonen an einem späten Herbstabend des Jahres 1987 von der Mensa am Kuppelbau des Audimax vorbei in Richtung Philturm zogen, wo oben im 12. Stockwerk erstmals das Autonome Comic-Seminar stattfinden sollte. Und ganz wie im Comic und der Erinnerung des Protagonisten Nestor Burma an seine weit zurückliegende Jugend, erfolgt heute auch meine Erinnerung an den späten Herbstabend 1987 mehr als drei Dekaden später…

Der Anglist Johannes N. Schmidt, ein Unterstützer der ArGL an der Universität Hamburg der ersten Stunde, erinnert sich mit Blick auf die Zeit der Institutsgründung noch an einen anderen, für die europäischen Comics entscheidenden Schauplatz: Brüssel, die Comic-Hauptstadt Europas.

„1991 organisierte die Stadt Brüssel eine Comic Book Route mit über fünfzig bemalten Fassaden, eine jede jener Kunst gewidmet, die schon zwei Jahre davor ein eigenes Museum in einem 1906 von Victor Horta entworfenen Gebäude erhielt. Die Route sollte sehr viel mehr als eine Touristenattraktion sein, sondern eine Hommage an eine spezifisch belgische Tradition: in einem Land, in dem man drei Sprachen – Holländisch, Französisch und Deutsch –  sprach, gab es zumindest eine, sämtliche Regionen umfassende Sprache: die der Bilder und Bildergeschichten. Zudem versammelten sich in ihrem formalen Reichtum höchst unterschiedliche Stimmungslagen und Gestaltungsmöglichkeiten: provozierend anarchische Szenen neben der unvergesslichen Freundschaft von Tintin und Milos (in Deutschland Tim und Struppi), die freilich 1930 in „Tim im Kongo“ für die Verherrlichung des Kolonialismus herhalten mussten;  übernatürlich-phantastische Darstellungen neben den klaren Strukturen („ligne claire“) von Hergé; Groteskes und aufsässig Provozierendes neben dem Idyllischen; futuristische Zukunftsvisionen (etwa in „De Duistere Steden, Brüsel“ voin Schuiten und Peeters) neben der Verbildlichung von Tönen bei Autojagden (das“ROOOOAAO“ und „WOOWOO“ bei Michel Vaillants „Racing Show“). Ein wiederkehrendes Motiv ist auch, wie einem Maler an einer Fassade von aufsässigen Jugendlichen die Leiter unter den Füßen weggezogen wird, wobei die Fassade als „Bild“ zugleich in dessen Destruktion eingeht.

Die erste Brüsseler Wandmalerei überhaupt befindet sich beim Kolenmarkt: Frank Pé zeigt in „Broussaille“ Freunde Arm in Arm am Plattensteen. Man hat darauf verwiesen, dass sich das Bild nahe des Homosexuellenviertels befindet, doch sehr viel auffälliger ist, dass die beiden über einen blauen Fluss gehen, der dort überhaupt nicht zu existieren scheint. Der Clou des Bildes ist, dass die Senne unterirdisch der Straße fließt und der Naturfreund Pé die beiden buchstäblich auf dem Wasser flanieren lässt.

Auf der gleichen Kreuzung, in 60 rue Marché au Charbon, befindet sich ein historisch inspiriertes Comic-Bild des Wallonen Francis Carin aus der Serie „Victor Sackville“. Der typisch britische Held mit dem unverwechselbaren Mustache ist ein Geheimagent von König George V, der zur Zeit des Ersten Weltkriegs in aller Welt seine Missionen verfolgt, von der Infiltration des Gegners bis zur Gegenspionage. Dabei verliert er nie seine Eleganz, die in sorgfältig entworfenen Linien – hier in der vorwiegenden Vertikale – gezeichnet ist, wobei sich die gemalten und wirklichen Häuserfronten vereinen.

Jean Robas „Bollie en Billie“ in der Reebokstraat zeigt einen drolligen Jungen (Bollie) mit seinem besten Freund, dem Hund Billie, wie sie entlang einer Vorstadtstraße entlanglaufen. Es ist ein liebevolles Genrebild, das eher an Charles M. Schulz erinnert. Da die Autorität der Erwachsenen bei Roba nicht wie sonst in vielen anderen Comics angetastet wird, wird die Entgleisung moralischer Regeln nur für Tiere zugebilligt, hier dem Hund, der weit stärker „cartoony“ wirkt und für die eigentlichen Gags zuständig ist. So zeigen Pé, Carin und Roba bereits beispielhaft, mit wie vielen Variationen die Comics auch als Mauerbilder in die Physiognomie einer Stadt eingehen können.“

(Mit freundlicher Genehmigung von Johannes N. Schmidt aus der Laudatio zu Ehren seines befreundeten Universitätskollegen Marc Föcking, 2022)

PS: Mit Johannes verbindet mich eine langjährige Freundschaft, die ihren Ursprung hat in besagtem Lesekreis zum Comic 120, Rue de la Gare von Jacques Tardi nach einem Kriminalroman von Léo Malet, an dem auch der Germanist und Archivar Michael Will teilnahm, und der sich abschloss mit der Publikation eines Artikels im Lexikon der Comics, Marcus Czerwionka (Hrsg.), Corian-Verlag, Meitingen, 1991ff., ISBN 978-3890489001, 1994…

PPS: Seitdem habe ich immer wieder mal Gespräche mit Johannes geführt, die ich auf diesem Blog (or elsewhere) veröffentlicht habe, so zum Beispiel zum Clash of Cultures

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