10 Fragen zum Tatmotiv – heute an Joachim Pitz

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9. September 2022 von ibohnet

Eine Gesprächsreihe mit Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern rund um das persönliche Motiv ihres kulturellen Schaffens. Heute mit dem Künstler Joachim Pitz.

Im Mittelpunkt des vorliegenden Blog-Beitrags steht der Künstler Joachim Pitz, der sich in seinem kreativen Schaffen im Spannungsfeld von Kunst & Wissenschaft bewegt. Pitz hat in den frühen 1970er Jahren an der Universität in Stuttgart Chemie und Bildende Kunst studiert (u. a. bei dem Informel-Künstler K. R. H. Sonderborg) und später bis zu seiner Pensionierung an verschiedenen Schulen als Lehrer gearbeitet, neben verschiedenen Schulen in Baden-Württemberg auch in Den Haag  in den Niederlanden. Daneben hat Joachim Pitz seit jeher als Künstler gearbeitet und an verschiedenen Ausstellungen teilgenommen, bspw. im Bad Homburger Herbstsalon. Pitz setzt sich in seiner Kunst (für die er spezifische Chemikalien als Werkstoffe verwendet, die durch chemische Reaktionen Farbeindrücke entstehen lassen) insbesondere mit dem Raum und dessen (meta)physikalischen Eigenschaften auseinander, die er den etablierten naturwissenschaftlichen Theorien gegenüberstellt.

Der bildnerische Raumforscher

1. Sie haben Chemie studiert und lange als Lehrer gearbeitet. Gleichzeitig habe Sie eine starke künstlerische Ader, malen und gestalten auf dem Gebiet der bildenden Kunst. Wann haben Sie angefangen, sich im Spannungsfeld von Kunst & Wissenschaft zu bewegen?

Neben Chemie habe ich im Hauptfach Bildende Kunst studiert, die meiste Zeit davon parallel, das bedeutete, ich musste mich von Anfang an mit beiden scheinbar so gegensätzlichen Fächern beschäftigen. Beide Bereiche profitierten jedoch voneinander.  Chemische Methoden halfen mir bei meinen Bemühungen, selbst Malfarben und Bindemittel herzustellen und naturwissenschaftliche Inhalte regten mich zu neuartigen Bildmotiven an. Ich war fasziniert von den graphischen Strukturen der Blasenkammeraufnahmen. Auf Anfrage hat mir das DESY zwei größere s/w Abzüge geschenkt mit der Erlaubnis, diese künstlerisch verwerten zu dürfen. Ich kratzte die Strukturen aus einer schwarz übermalten, hellen Grundierung. Das war mühsam, ich musste sichtbare Spuren freilegen, ohne die Leinwand zu verletzen. Ich glaube, dass meine Wertschätzung des Untergrundes als adäquates Gestaltungsmittel schon damals begann. Das war Anfang der 70er Jahre. Thematisch war ich zu dieser Zeit noch nicht auf  naturwissenschaftliche Themen festgelegt, obwohl ich sie bevorzugte.  Als weitere Vorlagen dienten histologische Schnitte, andere mikroskopische Aufnahmen aus der Biologie,  Schliffbilder aus der Mineralogie und Aufnahmen von Röntgenbeugungen.  Die biologischen Vorlagen habe ich im surrealistischen Sinne verfremdet und in gemalte Landschaften integriert .  Aus dieser Zeit stammen auch Objekte, die Kraftfelder darstellen sollten.  In Bitumen oder  Wachs eingelegte Magnete, unter der Oberfläche nicht sichtbar, schufen imaginäre Felder, die auf Wunsch mit Eisenkügelchen auf einem Blatt Papier gezeigt werden konnten. Wachs und Bitumen als Bildträger brachten ihre eigenen sinnlichen Qualitäten mit. Im bildnerischen Bereich begann ich mit einfachen chemischen Methoden auf Aquarellpapier oder kleinformatigen Leinwänden farbige Fällungsreaktionen und Farbreaktionen unter Energieeinwirkung auszuführen. Daneben las ich populärwissenschaftliche Bücher und Beiträge in Magazinen mit noch unspezifischem Interesse.  Diese Aktivitäten konnte ich in eingeschränktem Maße auch während der frühen Jahre als Lehrer ausführen. Im Jahre 1986 bekam ich eine Stelle als Lehrer an der Deutschen Schule in Den Haag und hatte die Möglichkeit, in einem der typischen Herrenhäuser in der Nachbarschaft der Schule ein Atelier einzurichten. Unter dem Eindruck des Reaktorunfalles in Tschernobyl und der nuklearen Bedrohung durch die Pershing  Raketen, wir wohnten bis dahin in der Nähe von Schwäbisch Gmünd, begann ich mich, in jetzt großformatigen Bildern, mit Strahlung und ihren gesundheitlichen Folgen zu beschäftigen.  Durch den erweiterten Bekanntenkreis über die Schule lernte ich Wissenschaftler von ESTEC, dem Europäischen Patentamt und Hochschullehrer  kennen.  Sie verhalfen mir  zu Einzelausstellungen in Galerien, bei ESTEC,  im Europ. Patentamt  und an der Universität Leiden in dichter Folge.  Anlässlich einer der Ausstellungen formulierte ich ein künstlerisches Programm (1989), das mein gesamtes künstlerisches Schaffen bis heute umfasst. Im Jahre 1991 kamen wir zurück nach Deutschland. Ich hatte noch zwei Einzelausstellungen, 1997 in Bad Homburg und 2000 in Marburg. In Gesprächen mit Besuchern wurde mir aber klar, dass ich missverstanden wurde. Sie sahen in meinen Bildern meist nur die dekorative Wirkung, jedoch nicht mein Bemühen Kunst und Naturwissenschaften auf Augenhöhe miteinander zu verbinden. Von da an versuchte ich, naturwissenschaftliche Fragen bildnerisch zu lösen. Ich wollte ausprobieren, ob das möglich ist.

2. Ihre künstlerische Arbeit verstehen Sie, wenn ich es richtig interpretiere, als eine Auseinandersetzung mit fundamentalen Fragen an das Universum. Was steckt dahinter?

Zwei grundsätzliche Probleme beschäftigten mich schon seit geraumer Zeit. Zum einen die gängige Urknalltheorie und zum anderen die Unvereinbarkeit der Quantentheorie mit der Relativitätstheorie,  das Einbinden der Gravitation. Ich wollte versuchen, mit bildnerischen Mitteln eine modellhafte Lösung zur Kosmogonie zu finden. Ich machte Bilder zur Superstringtheorie, zum Urknall, zur inflationären Ausdehnung u.a. Es  ergaben sich aber nur mehr weniger gelungene Illustrationen dessen, was ich gelesen hatte. Ich kam nicht wirklich weiter.

3. Wie arbeiten Sie konkret?

In der Regel arbeite ich so, dass ich mich in ein Thema einlese und versuche, eine bildhafte Umsetzung des Gelesenen zu machen.  Seit etwa 2010  konzentriere ich mich auf Themen aus der Quantentheorie und der Kosmologie.  Häufig inspirieren mich auch  authentische Photographien des  Weltraumes (Hubbleteleskop), die ich dann mit meinen  Arbeitsmethoden nachempfinden möchte. Ein Beispiel dazu möchte ich kurz schildern.  Ich beklebe eine wasserfeste Sperrholzplatte mit einer ungrundierten Leinwand  und färbe diese nach dem Antrocknen intensiv mit schwarzer Stofffarbe. Darauf lasse ich aus einer gewissen Höhe Eisenkügelchen fallen und korrigiere die zufällige Verteilung nicht. Jedes Kügelchen wird dann mit wasserfestem Holzleim befestigt. In einem bewussten Eingriff wird dann an einer oder mehreren Stellen im Bild mit Hilfe einer  Spritzflasche eine Natriumhypochloritlösung aufgetragen und in einem zweiten Arbeitsgang  Essigessenz. Dadurch wird der Farbstoff nicht genau kontrollierbar zerstört. Es entstehen helle, an den Rändern noch etwas farbige Stellen. Nach dem Trocknen werden diese gezielt weiterbearbeitet, z.B. mit Nachleuchtfarbe oder durch farbige Salzausfällungen. Die Eisenkügelchen werden zum Teil auch wieder durch Natriumhypochlorit mit einer Art Halo in unterschiedlicher Größe versehen und  einige davon mit Nachleuchtfarbe markiert, um räumliche Effekte zu erzielen. Die so entstandenen Bilder sehen den Vorbildern ähnlich, sind aber viel konkreter, substanzieller. Vergleichbare Arbeitsmethoden verwende  ich auch bei Themen aus der Quantenphysik.

4. Sie zitieren in Ihrer Arbeit die Kosmogonie als ein spezifisches, immer wiederkehrendes Thema. Was ist darunter zu verstehen?

Am Urknallszenario stört mich am meisten, dass aus dem Nichts plötzlich alles passgenau entsteht in einem wohl eher religiös motivierten Schöpfungsakt. Ich vermute, dass es den Wunsch, die Schöpfung zu verstehen, schon so lange gibt, wie Menschen denken können. Ich las also Beiträge zu Schöpfungsmythen aus früheren und unterschiedlichen Kulturen. Begriffe wie  „ewig“, „unendlich“ und  „Wandlung“ tauchten immer wieder auf, aber keine befriedigende Lösung außerhalb der religiösen Deutung.

Der Begriff „unendlich“ beschäftigte mich am meisten, nicht die mathematische Behandlung, sondern die bildhafte Vorstellung der Unendlichkeit. Der Urknall schließt eine  Unendlichkeit aus. Langsam wurde mir klar, dass der  Raum das Problem war. Bei Vielem, das ich gelesen hatte, diente der Raum nur als Bühne, nahm selbst nicht am Geschehen teil. Durch meine Arbeitsweise wusste ich aber, dass der  Bilduntergrund gleichbedeutend wichtig war. Die Farbe klebte auf ihm oder drang in ihn ein, wechselwirkte mit ihm. Im übertragenen Sinne müssten deshalb alle physikalischen Vorgänge mit dem Raum wechselwirken.  Dann müsste der Raum aber aus etwas Substantiellem bestehen, ich nenne es Raumquanten.

Ich stelle mir vor, dass bei einem hier nicht näher beschriebenen Ereignis, die Raumquanten des unendlichen, ewigen Raumes sich an einer Stelle zu Vorstufen von Materie verdichten, mit allen sich daraus ergebenden Folgen. Die Ergebnisse scheinen mir im Kleinen wie im Großen mit dem Beobachtbaren kompatibel. Dieses Ereignis könnte ein alternativer Urknall sein ohne Singularität, weil es sich ja um Quantenmechanik handeln würde.  Der Einwand, dass mit diesem  Vorschlag das Problem des Anfangs nur verlagert wird, stimmt. Eine physikalische Lösung der letzten Frage wird wohl nicht möglich sein. Hier müsste die Anforderung genügen, dass mit dem Vorschlag mehr erklärt werden kann, als vorher.

5. Welche Vorbilder haben Sie?

Ich habe keine konkreten Vorbilder. Ich bewundere aber die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auf allen Gebieten  und die Leistungen der Mathematik in diesem Zusammenhang. Im Bereich der Kunst bin ich sicher von allen beeinflusst worden, die sich mit der Natur und naturwissenschaftlichen Methoden und Inhalten beschäftigt haben. Echte Vorbilder, die das gleiche Ziel verfolgen, kenne ich nicht. Methodisch habe ich viel von den Surrealisten übernommen, wie das Einbeziehen des Zufalls und die Rolle des Unterbewusstseins beim Deuten von Strukturen.  In  Bezug auf die gestischen Anteile in meiner Malerei bin ich sicher von meinem Lehrer K.R.H. Sonderborg stark beeinflusst worden. Bei meiner Auswahl der ungewöhnlichen Gestaltungsmittel und deren sinnlicher Wertschätzung standen Joseph Beuys und Anselm Kiefer Pate.

6. Was macht für Sie gute bildende Kunst aus?

Für mich ist die Beschäftigung mit bildender Kunst ein kleines Abenteuer, vergleichbar mit der Forschung in den Naturwissenschaften.  Man sucht sich ein Thema, einen Arbeitsbereich und investiert physisch und mental mit dem vollen Risiko des Scheiterns.

Gute Kunst gab es immer an den Schaltstellen der Epochen, gut gemachte Kunst in den Zeiten dazwischen.

7. Woran arbeiten Sie gerade?

Ich versuche, die Vorgaben und Bedingungen meines Entwurfes zur Kosmogonie auf Fragestellungen der Physik anzuwenden. Was kann ich damit erklären?  Welche Erklärungen kann ich umdeuten? Das geschieht zurzeit noch gedanklich. Wenn ich nicht weiterkomme, versuche ich es wieder bildnerisch. Durch die Arbeit an einem Bild über längere Zeiträume bin ich gedanklich dicht an der Thematik und gewinne ein tieferes Verständnis oder Probleme werden konkreter.  Eine große Hilfe ist mir dabei das neue Buch von Th. Naumann und I. Bohnet „Das rätselhafte Universum“.

8. Welche Rolle spielt der Zeitgeist für Sie?

Mich beschäftigen die großen Probleme, wie die Folgen des Klimawandels sowohl wissenschaftlich als auch in ihrer gesellschaftspolitischen Dimension, und Möglichkeiten und Bedingungen für ein friedliches Zusammenleben. Weniger Interesse habe ich an dem Übermaß an elektronischer Unterhaltung und an Lifestylezwängen.

9. Was würden Sie sich für Ihre Arbeit wünschen?

Ich wünsche mir, dass sich Fachleute ernsthaft mit meinem Entwurf zur Kosmogonie auseinandersetzen und ebenso mit meinen bildnerischen Versuchen zur Verbindung von Kunst und Naturwissenschaft auf vergleichbarer Ebene.

10. Welche Frage würden Sie sich überdies gerne zum Abschluss selber stellen?

Ich frage mich, ob es gelingt, ein Experiment zu entwerfen, das zeigt, dass sich Materie zu Raum(quanten) auflösen kann oder umgekehrt, ob sich Raum zu Materie verdichten lässt. Vielleicht genügt es auch schon, vorhandene Daten in diesem Sinne zu deuten.

Lieber Joachim Pitz, vielen Dank für dieses Gespräch!

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