10 Fragen zum Tatmotiv – heute an Tina Pruschmann

Hinterlasse einen Kommentar

13. Juli 2022 von ibohnet

Eine Gesprächsreihe mit Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern rund um das persönliche Motiv ihres kulturellen Schaffens. Heute mit der Schriftstellerin Tina Pruschmann.

Im Mittelpunkt des vorliegenden Blog-Beitrags steht die in Leipzig wohnhafte Schriftstellerin Tina Pruschmann, deren beruflicher Lebensweg zu Beginn in eine ganz andere Richtung zu weisen schien. Begonnen hat sie zunächst mit einem Jura-Studium, dann das Handwerk der Ergotherapeutin erlernt, als solche auch viele Jahre in der Psychiatrie, an einer Förderschule und an der Berufsfachschule gearbeitet, nebenbei Soziologie und Psychologie studiert, um sich schließlich als Texterin selbstständig zu machen und mit dem Schreiben anzufangen.

Die Stimme aus dem Osten

1. Ihr beruflicher Lebensweg ließ die spätere Schriftstellerin nicht gleich erahnen, erst 2017, nach vielen Jahren Arbeit in eher sozialen Zusammenhängen traten Sie belletristisch hervor mit Ihrem Debütroman »Lostage«, erschienen im renommierten Residenz Verlag. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

So ganz kann ich das nicht rekonstruieren. Die Suche nach einem Platz im Leben war für mich äußerst schwierig. Als ich jung war, habe ich Leute um mich herum bewundert, die einen Plan für ihr Leben hatten. Ich dagegen habe mich meist fehl am Platz gefühlt: in den Juravorlesungen, als Therapeutin, als Dozentin an der Berufsfachschule, vielleicht noch am wenigsten in der Psychiatrie, muss ich zugeben. Zum ersten Mal richtig fühlte sich das Schreiben an. Das zu finden, war eine ziemlich mühsame Ausschlussdiagnostik.

2. Was macht für Sie die Faszination am Schreiben aus?

Zum einen ist mir das Schreiben bei Weitem die liebste aller Parallelwelten. Das klingt eskapistisch, aber so ist es nicht gemeint. Im Gegenteil: Um literarisch Auskunft geben zu können, muss ich mir von Zeit zu Zeit das Privileg nehmen, einen Standpunkt in größtmöglicher Distanz zum Geschehen einzunehmen. Das wiederum korrespondiert ganz gut mit meinem Temperament. Zum anderen ist die literarische Arbeit mit der Sprache mein Zugang zur Welt. Es ist essenziell für mich.

3. Wie finden Sie die Themen, Motive, die Figuren Ihrer Erzählungen?

Themen und Motive speisen sich häufig aus von mir so wahrgenommenen Leerstellen. Zum Beispiel verspüre ich in der Generation meiner Eltern, die die Verwerfungen der Nachwendezeit mit voller Härte trafen, eine gewisse Wagenburgmentalität. Über die Verletzungen der 90er Jahre, aber auch über die DDR-Zeit wird kaum gesprochen. Die DDR taucht nahezu ausschließlich anekdotisch als ein romantisiertes Früher auf, die Nachwendezeit fast gar nicht. Auf der anderen Seite ist der Osten gefühlt ein mediales Dauerthema. Diese Spannung interessiert mich literarisch. Bei den Figuren ist es mir liebsten, wenn sie sich aufdrängen und von ganz allein in den Text schreiben.

4. Gibt es ein spezifisches, immer wiederkehrendes Thema in Ihren Werken?

Meine Texte spielen im Osten: in Ostdeutschland, gerne mit Bezügen nach Osteuropa. Die alten inneren Landkarten sind da noch wirkmächtig. Ich habe das Gefühl, dass es dort literarisch noch Dinge zu erledigen gibt.

5. Welche literarischen Vorbilder haben Sie?

Ich weiß nicht, ob Vorbild es trifft, aber ich bewundere Brigitte Reimann für ihre radikale Offenheit und Leidenschaft für das Leben und das Schreiben. Sie gibt ihren Texten eine große Freiheit, die für die sehr enge DDR ungewöhnlich war. Ich empfehle jedem und jeder, ihre Tagebücher und ihren großen Roman „Franziska Linkerhand“ zu lesen.

6. Was macht für Sie gutes Schreiben, gute Schriftstellerei aus?

Die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen und die Figuren nicht als Lautsprecher zu missbrauchen, und natürlich die Liebe zu den Figuren.

7. Welche Rolle spielt der Zeitgeist für Sie?

Wenn mit Zeitgeist gemeint ist, unhinterfragt in der Gegenwart verhaftet zu sein, dann hoffe ich, dem schreibend entkommen zu können. Schreiben bedeutet für mich der Versuch, dem Gegenwärtigen aus der Vergangenheit heraus beizukommen. Aber natürlich bin ich auch Geschöpf der Zeit, in der ich lebe. Ich möchte mir nicht anmaßen, zu behaupten, ich wäre komplett frei davon. Sagen wir so, ich hoffe, mir schreibend eine Unabgeschlossenheit im Denken zu bewahren.

8. Woran arbeiten Sie zurzeit?

Ab dem Herbst wird meine Aufmerksamkeit meinem aktuellen Roman „Bittere Wasser“ gelten, der im November erscheint: eine Familiengeschichte, die sich zeitlich vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart erstreckt und die Umbrüche einer sächsischen Kleinstadt in den Blick nimmt, die eine Karriere vom angesehenen europäischen Radon-Kurort über einen der wichtigsten Uranbergbaustandorte für das sowjetische Atomprogramm zurück zu einem beschaulichen Kurort hinlegt. Parallel dazu arbeite ich an einer literarischen Recherche über meine mir unbekannte, früh verstorbene Großmutter. Ich möchte das gerne verknüpfen mit dem Krieg in Europa, der viel zu lange der vergessene Krieg im Osten Europas war, und erst mit der russischen Invasion am 24. Februar vom Westen als Ernstfall wahrgenommen wurde. Die Themen, die dahinter liegen, heißen Sprachlosigkeit und Blindheit. Fragen Sie mich nicht, was eine literarische Recherche ist. Ich weiß es noch nicht.

9. Was würden Sie sich für Ihr eigenes Schreiben wünschen?

Mehr Zeit. Sehr viel mehr Zeit.

10. Welche Frage würden Sie sich überdies gerne zum Abschluss selber stellen?

Keine. Jedenfalls keine öffentliche.

Liebe Tina Pruschmann, vielen Dank für das schöne Gespräch!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Trage deine Email-Adresse ein um Email-Benachrichtigungen über neue Bloposts zu erhalten.

Sachbücher

Krimis

Kurzgeschichten

Lesungen

%d Bloggern gefällt das: