10 Fragen zum Tatmotiv – heute an Bodo Morshäuser

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9. Juli 2022 von ibohnet

Eine Gesprächsreihe mit Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern rund um das persönliche Motiv ihres kulturellen Schaffens. Heute mit dem Schriftsteller Bodo Morshäuser.

Im Mittelpunkt des vorliegenden Blog-Beitrags steht der vielfach preisgekrönte Schriftsteller Bodo Morshäuser. Sein literarischer Werdegang reicht bis in die 1970er Jahre zurück: Angefangen mit Beiträgen für Berliner Stadtmagazine und den Sender Freies Berlin, wandte sich Morshäuser dann zunehmend belletristischen Erzählungen und lyrischen Texten zu und setzte sich mit virulenten Themen des Zeitgeistes und mit Jugendbewegungen der 1980er und 1990er Jahre auseinander. Bodo Morshäuser war lange Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, um dann 2022 aktiv das PEN Berlin mitzugründen.

Der Sprachschöpfer

1. Sie blicken auf eine beachtliche Zahl von Büchern und Veröffentlichungen und auf ein breites Portfolio, das sich von Erzählungen, Romanen, Hörspieltexten bis hin zu Gedichten erstreckt. Was ist das Grundmotiv Ihres Schreibens?

Die Motive ändern sich von Buch zu Buch. Das Motiv der „Berliner Simulation“ ist Begierde, auch Begierde nach Täuschung. „Nervöse Leser“: Liebesbetrug, mehr noch, kollektiver Vertrauensbruch. „Der weiße Wannsee“: Motiv ist ein Sommerrausch. Das Doppelmotiv von „Tod in New York City“ ist Sehnsucht und Verwirklichung, allerdings mit Todesfolge. Die Motive von „In seinen Armen das Kind“ sind Wunschwelt und Sektenwahn. Bei „Beute machen“ ist es ein gegenseitiger doppelter Raub, und zwar aus Liebe. Das Motiv von „Und die Sonne scheint“ ist ein Lebensneuanfang.

2. Wann hat Ihr Schreiben angefangen, und wie hat es sich im Laufe der Jahre verändert?

Nach der Schulzeit schrieb ich so vor mich hin. Dann hatte ich Erlebnisse mit eigenen Texten, die mich aus der Ferne anschauten. Sie erzählten Dinge, die ich noch nie so ausgedrückt hatte. Nun schrieb ich dieser Grenze entgegen und wollte Sachen lesen, vor denen ich ins Staunen geriet. Und ich wollte veröffentlichen. Es gehörte dazu. Es ließ einen Druck entstehen, der mich vorantreibt. Das Vor-mich-hin-Schreiben ist nun Teil einer Art Baumeisterei. Ich konstruiere Fundamente, Aufbauten, vermesse Statiken und ändere um, bis die Sache scheinbar klar vor mir erscheint. Gleichzeitig muss ich sie gut spüren. Ich bevorzuge eher sachliche Fassaden als verschnörkelte. In den Räumen darf die Sprache gern spielen, auch mit sich selbst.

3. Wie arbeiten Sie konkret, und welche Unterschiede sehen Sie bei der Bearbeitung von Lyrik, Prosa, Hörspiel oder Erzählung?

 Ich fange an, verwerfe, fange nochmal an, ändere und bin irgendwann fertig, oder auch nicht. Ich bin ein auditiver Mensch und muss alles in mir hören. Ich habe Erzählungen geschrieben, die für mich Lyrik sind, und Gedichte, die ich als Erzählungen höre. Bearbeitungen sind Handwerk und müssen im rechten Moment zu Ende sein. Bearbeite ich zu lange, beginne ich zu zerstückeln. Es gibt Textmassaker, die will man nicht erleben.

4. Gibt es ein spezifisches, immer wiederkehrendes Thema in Ihrem Schreiben, unabhängig von dem Genre, in dem Sie sich bewegen?

Mein Thema hat Julio Cortázar dankenswerterweise in seiner Erzählung „Brief an ein Fräulein in Paris“ kurz und knapp zusammengefasst: „Alles scheint ganz natürlich, wie immer, wenn man die Wahrheit nicht weiß“, („Fräulein“? Ja. Meine Übersetzung ist von 1979) Meine Themen sind oft Täuschung und Fälschung, im Großen wie im Kleinen, gesellschaftlich wie privat.

5. Welche literarischen Vorbilder haben Sie?

Keine Vorbilder, das heißt, jeden Monat ein anderes. Manche halten auch ein Jahr. Meine Identifikationen sind ständig in Bewegung.

6. Was macht für Sie gutes Schreiben aus, woran bemessen Sie gute Literatur?

Gute Literatur spüre ich. Wenn die Relationen stimmen, dann hebt sich meine Schädeldecke. Ich beginne zu staunen, mein Atem wird kürzer und ich frage mich: Wie hat der, wie hat die das bloß gemacht? Dann versuche ich es herauszufinden. Déformation professionnelle.

7. Woran arbeiten Sie gerade?

Eine Erzählung über eine Songtextdichterin, die ihre beste Zeit hinter sich hat und es noch nicht recht wahrhaben will, obwohl sie es weiß.

8. Sie blicken auf eine große Schaffensperiode, und haben sich immer wieder mit gesellschaftlichen Fragen und sozialen Bewegungen beschäftigt. Welche Rolle spielt der Zeitgeist für Sie?

Wer sich Strömungen in persönlichen Umgebungen und im Öffentlichen nicht verschließt, hat zumindest eine Ahnung von diesem sogenannten Zeitgeist. Mit der „Berliner Simulation“ hätte ich ihn voll getroffen, haben damals manche geschrieben. Einmal war ich sogar schneller als der Zeitgeist. Dabei lag er längst in der Luft. Noch vor der deutschen Einheit und der Wiedervereinigung des rechten Rands habe ich Ende 1988, ausgehend von einem Prozess gegen vier Skinheads in Itzehoe, mit der Rechtsextremismus-Recherche für „Hauptsache Deutsch“ begonnen, das im Februar 1992 erschien, pünktlich zur Welle von Brandanschlägen auf Asylbewerberheime und Wohnhäuser. Mein bestverkauftes Buch. Zeitgeist ist manchmal da, wo es wehtut.

9. Sie haben viel erreicht in Ihrem künstlerischen Schaffen. Gibt es dennoch etwas, was Sie sich für Ihre Weiterentwicklung beim Schreiben wünschen oder vorstellen könnten?

Für die laufenden und kommenden Projekte würde ich gern mal wieder mit einem Buchverlag zusammenarbeiten.

10. Welche Frage würden Sie sich überdies gerne zum Abschluss selber stellen?

Herr Morshäuser, wie kommen Sie eigentlich darauf, so zu tun, als wüssten sie auf all diese Fragen eine Antwort?

Lieber Bodo Morshäuser, vielen Dank für das schöne Gespräch!

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