10 Fragen zum Tatmotiv – heute an Michael Blume

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1. Juni 2022 von ibohnet

Eine Gesprächsreihe mit Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern rund um das persönliche Motiv ihres kulturellen Schaffens. Heute mit dem Religionswissenschaftler, Politologen und Publizisten Michael Blume.

Copyright: Arge Lola

Im Mittelpunkt des vorliegenden Blog-Beitrags steht der Religionswissenschaftler, Politologe und Publizist Michael Blume. Als Beauftragter der baden-württembergischen Landesregierung arbeitet er als Aufklärer gegen Antisemitismus und Verschwörungstheorien. Daneben forscht und lehrt Blume zu Fragen des Dialogs der Weltreligionen und publiziert regelmäßig zu philosophischen und spirituellen Fragestellungen, bspw. in Scilogs, den Tagebuch-Blogs von spektrum der wissenschaften. Michael Blume hat in diesem Themenspektrum eine Reihe von Sachbüchern verfasst.

Der gläubige Aufklärer

1. Was ist Ihr Motiv als Publizist? Was treibt Sie an?

Noch vor der Einschulung war ich als Kind lebensgefährlich erkrankt, litt in Krankenhausbetten und an Infusionsschläuchen. In dieser Zeit lernte ich durch meine Eltern und Comic-Hefte aber auch das Lesen als Eintritt in eine Welt ohne Schmerzen. Seitdem ist kein Tag vergangen, in dem ich nicht lese und gerne auch schreibe. Das Alphabet bildet die Grundlage meiner persönlichen Spiritualität.

2. Wann haben Sie beschlossen, neben ihrer wissenschaftlich-politischen Arbeit auch publizistisch tätig zu werden?

Schon als lesebegeistertes Kind wollte ich unbedingt „Schriftsteller“ werden – und habe mich lange gefragt, warum Schrift eigentlich „gestellt“ wird. Erst mit meinem bisher einzigen Spiegel-Bestseller „Islam in der Krise“ zu den Folgen des Buchdruck-Verbotes arabischer Lettern durch Sultan Bayezid II. um 1485 klärte sich das. Im Forschen und Schreiben versuche ich also stets Fragen zu beantworten und hoffe, dass dies auch andere interessiert.

3. Wie arbeiten Sie als Verfasser populärwissenschaftlicher Bücher? 

Nach dem Dienst in der Bundeswehr hatte ich als Arbeiterkind erst einmal klassisch eine solide Ausbildung bei einer Bank gemacht. Doch so spannend auch das Medium Geld ist, wollte ich doch interdisziplinär arbeiten. Obwohl mir die Bank als sogenannter „Spitzen-Azubi“ zum VWL-Studium riet, wagte ich daher den Umstieg in die Politik- und Religionswissenschaft. Und, ja, ich möchte auch weiterhin Fachgrenzen sprengen und also interdisziplinär die Erkenntnisse verschiedener Disziplinen vernetzen.

4. Gibt es ein spezifisches, immer wiederkehrendes Thema in Ihrer publizistischen Arbeit? Inwiefern variieren die Fragestellungen in Ihren Büchern?

Das grundlegende Motiv all meiner bisherigen Arbeiten ist der dialogische Monismus versus dem feindseligen Dualismus: Schon in meiner Doktorarbeit zu Religiosität und Hirnforschung wandte ich mich gegen die Leib-Seele- und Evolution-Religion-Dualismen. Im Antisemitismus werden dualistische Verschwörungsmythen gegen das erste Volk der religiösen Alphabetisierung, gegen das Judentum, in Anschlag gebracht. Der Noahsohn Sem gilt in der jüdischen Auslegung als erster Schulgründer und Richter auf Basis von Alphabetschrift. Und noch im bisher letzten Buch „Rückzug oder Kreuzzug?“ beschrieb ich Huntingtons „Kampf der Zivilisationen“ als widerlegt und betonte, dass der Riss zwischen Monismus und Dualismus quer durch alle Weltreligionen und Weltanschauungen wie konkret auch Christentum und Liberalismus geht.

5. Welche publizistischen Vorbilder haben Sie für Ihre Arbeit als Sachbuchautor?

Meine frühen Vorbilder waren die Autorinnen und Autoren von Wissenschaftszeitschriften wie „Spektrum der Wissenschaft“, die beglückende Einsichten und Aha-Momente schenken konnten. Deswegen war es für mich auch eine besondere Ehre, als mich Lars Fischer und Carsten Könneker zum Wissenschaftsbloggen auf die Scilogs einluden; dort bin ich seit 2008 unentgeltlich dabei. Vorbilder für ihr gemeinsames Lebenswerk sind mir Paula und Martin Buber. Allerdings bleiben sie mir weit voraus, von mir selbst sind ja bislang nur Sachbücher erschienen.

6. Was macht für Sie gutes (journalistisches) Schreiben aus?

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind oft trocken, komplex und – wenn wir etwa an Pandemien oder die Klimakatastrophe denken – auch unangenehm. Daraus dennoch spannende und ermutigende Texte und Bilder zu erschaffen halte ich für große, ja überlebenswichtige Kunst.

7. Woran schreiben Sie gerade?

Nach Abschluss einer Religionen-Trilogie schreibe ich gerade an meinem vorerst letzten Sachbuch zur Frage der Weltanschauung: „Wie Gebirge und Tiere unser Denken prägen“. Danach möchte ich mir einige Jahre Auszeit nehmen, um endlich meinen Jugendtraum einzulösen: Eine Fantasy-Groschenroman-Reihe. Keine Ahnung, ob diese je erscheinen wird – aber sie will geschrieben werden.

8. Welche Rolle spielt der Zeitgeist für Sie?

Der Begriff Zeitgeist ist für mich Ausdruck eines überholten, neoplatonischen Dualismus zwischen vermeintlich ewigem Heiligen Geist und vermeintlich niedergehenden, weltlichen Zeitgeist. Ich glaube dagegen, dass jede menschliche Erkenntnis und also auch Offenbarung immer in der Zeit stattfindet und sich die Auseinandersetzung zwischen Fortschritt oder Verfall, Heiligkeit oder Niedertracht also jeden Tag neu vollzieht.

9. Was würden Sie sich für Ihre Arbeit als Publizist wünschen?

Ich freue mich jeden Tag über das Interesse an der Religionen-Trilogie und hoffe für den Weltanschauung-Abschluss. Danach möchte ich, auch angeregt durch die vielen konstruktiven Rückmeldungen zu den Wissenschaftsbüchern, endlich einmal nach Herzenslust Fantasy schreiben dürfen. Schon die Beschimpfungen und Drohungen, die ich als Beauftragter gegen Antisemitismus täglich erhalte, erinnern mich daran, dass jede Lebenszeit endlich ist.

10. Welche Frage würden Sie sich überdies gerne zum Abschluss selber stellen?

Gegen Zumutungen und leider auch unangenehme Wahrheit wehren wir Menschen uns emotional mit Reaktanz. Das würde ich so unglaublich gerne tiefer verstehen! Jetzt könnte ich auf eine entsprechende Frage nur spekulieren.

Lieber Michael Blume, vielen Dank für dieses schöne Gespräch!

2 Kommentare zu “10 Fragen zum Tatmotiv – heute an Michael Blume

  1. Michael Blume ist mir seit der Lektüre von „Gott, Gene und Gehirn“, das er zusammen mit Rüdiger Vaas veröffentlich hat, ein Begriff. Sehr fundiert und in der Herangehensweise absolut neutral, lässt den Leser seine Schlüsse ziehen. Selten ein so kundiges Buch zu einem so komplexen Thema gelesen.

    • ibohnet sagt:

      Danke für diesen Kommentar, lieber Herr Stöcker. Tatsächlich war das Buch für mich auch der Grund, weshalb ich Herrn Blume unbedingt als Gesprächspartner für das Buch „Die 42 größten Rätsel der Physik“ gewinne wollte, und zwar zur Frage #41 „Was ist Ziel und Zweck der Evolution?“… und Michael Blume hat ja bekanntermaßen und dankenswerterweise prompt mitgemacht…

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