Zwiegespräch über »unbestimmte Weite« (IV)

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12. Februar 2022 von ibohnet

Im Jahr 2006 führte die Künstlerin und Musikerin Bärbel Zindler im Rahmen des Ausstellungsprojekts METANOMIE in der Städtischen Galerie im Buntentor Bremen eine Reihe von Gesprächen mit ausgewählten Personen, darunter der Physiker Thomas W. Kraupe, die Philosophin Birgit Recki, der Pastor Ulrich Hentschel, die Künstlerinnen Antje Oertling-Kappenberg und Corinna Siebert, und eben auch meine Wenigkeit (als Physiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen-Elektronen Synchrotron DESY in Hamburg).

ANSCHREIBEN UND FRAGEN VON BÄRBEL ZINDLER (22. August 2006)

Lieber Herr Dr. Bohnet,

Vielen Dank für Ihren Brief. Habe erst mal im Duden nachgeguckt, was Komplementarität bedeutet:

  • Komplementär heißt »sich gegenseitig ergänzend«.
  • Komplementarität: (1) Beziehung zwischen Messgrößen im Bereich der Quantenmechanik, die besagt, dass man die betreffenden Messgrößen nicht gleichzeitig (simultan) messen kann (Physik). (2) Wechselseitige Entsprechung der Struktur zweier Größen (Biologie, Biochemie). (3) Semantisches Gegensatzverhältnis, besondere Form der Inkompatibilität (zum Beispiel männlich, weiblich; Sprachw.).

Von Niels Bohr wird berichtet, dass er mit seinem Komplementaritätsprinzip die Auffassung vertrat, jedes Elektron, Photon, letztlich alles besitze sowohl wellen- als auch teilchenartige Aspekte. Diese Eigenschaften seien komplementär, wobei jeweils nur eine Eigenschaft zur Zeit beobachtbar werden könne: entweder Welle oder Teilchen. David Bohm dagegen behauptete, »die Wellenfunktion eines Teilchens sei ein anderes, separates Element der Wirklichkeit, eines, das zusätzlich zum Teilchen existiere.« Also: Teilchen und Wellen.

Grundsätzlich finde ich den Gedanken der Komplementarität reizvoll. Missverständnisse entstehen ja dadurch, dass man meint, über das gleiche zu reden, ohne dies aber wirklich zu tun. Die Frage ist, ob zwei (oder mehr) Person überhaupt jemals über so etwas wie »das gleiche« reden können. Es ergibt sich eine ganz neue Konstellation im Verhältnis von »Subjekt« und »Objekt«: Beobachter und beobachtetes Phänomen lassen sich nicht mehr so strikt trennen, denn die Beobachtung beeinflusst die beobachtete Eigenschaft des Phänomens.

Gibt es nun aber auch Grenzen dieser Beeinflussung? Mit anderen Worten: Wie lässt sich das Verhältnis dieser Korrespondenz bestimmen? Gibt es sozusagen einen Anteil, den das Subjekt, und ein Anteil, den das Objekt beisteuert? Kann man noch davon sprechen, dass es so etwas wie eine (»der Wirklichkeit«) adäquate Darstellung oder Entsprechung gibt? Oder ist vielmehr diese Trennung nicht mehr wirksam, die Grenzen aufgelöst? Kann man nun noch von Konstellationen sprechen, die sich in einer bestimmten Weise zeigen und jeweils eine eigene Wirklichkeit bilden, ohne etwas abzubilden?

Möchte schließen mit einem Zitat des Philosophen Paul Good, in dem es um die Verschränkung sowohl der Rolle des Beobachtenden mit der des Handelnden als auch von Subjekt und beobachtetem Phänomen – hier bezogen auf die Zeit – geht:

Wie würde sie (die Zeit) einem Bewusstsein erscheinen, das sie nur erleben wollte, ohne sie zu messen, das sie zu erfassen würde, ohne sie zu fixieren, das sich selbst schließlich als Objekt nähme, und, Zuschauer und Akteur, spontan und reflektierend zugleich, die fixierende Aufmerksamkeit und die fliehende Zeit verschmelzen lassen würde?

Paul Good, Zeit Skulptur

Würde man sich mit dieser Position ganz aus dem Rahmen der Wissenschaftlichkeit heraus bewegen, oder ist sie mit dieser vereinbar?

Mit herzlichen Grüßen

Bärbel Zindler

PS: Briefe, Interviews und Artefakte wurden als Beitrag zur Ausstellung METANOMIE des Künstlerinnenverbandes Bremen vom 9. September bis 3. Oktober 2006 in der städtischen Galerie am Buntentor in Bremen gezeigt. Als Apokryphen wurde auch das Radio-Feature Grenzen und Optionen der Naturwissenschaft von Ilja Bohnet & Bernhard Kaufmann erstmals präsentiert (eine Hörspielproduktion vom FSK, Hamburg, 1999, vorgestellt auch in dem von der Helmholtz-Gemeinschaft kuratierten Podcast Wissenschaft auf die Ohren, Berlin, 2019, hörbar auf SoundCloud).

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