Wissenschaftsgeschichte – Teil 7

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26. Mai 2019 von ibohnet

Von der Globalisierung der Wissenschaft und der nüchternen Erkenntnis, dass die Wirklichkeit mehr ist als die Summe ihrer Realitäten …

Naturwissenschaft und Technik prägen mittlerweile wesentliche Teile unseres Lebens. Sie liefern unvorstellbare Möglichkeiten, sich die Natur dienstbar zu machen und den Alltag des Menschen zu erleichtern. Gleichzeitig bergen sie ein selbstzerstörerisches Potential, das sich auf erschütternde Weise in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts entfalten konnte und schließlich mit dem Abwurf der Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki ein schauerliches Sinnbild fand, und sich leider nach wie vor in einer stetig schneller laufenden, radikalen Umgestaltung der Umwelt zeigt – nicht zuletzt im ungebremsten High-Tech-Raubbau an unserem Planeten vor dem Hintergrund eines uns alle bedrohenden Klimawandels. Täglich entstehen durch die Wissenschaften neue Bereiche des bis dahin Unbekannten und Unmöglichen, werden Maßstäbe, die bisher galten, entwertet und durch neue ersetzt – weltweit.

Der ökonomischen Globalisierung ging übrigens die wissenschaftliche voraus. Schon der deutsche Johannes Kepler stand in Briefkontakt mit seinem italienischen Kollegen Galileo Galilei – und das in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges! Nicht weniger spannend: Als erste internationale Treffen der Teilchenphysik der Nachkriegszeit gelten die nach dem Veranstaltungsort bezeichneten Rochester-Konferenzen der 1950er Jahre, an denen Physiker wie Robert Oppenheimer, Wolfgang Pauli oder Hans Bethe teilnahmen, die allesamt Wissenschaftsgeschichte schrieben (Teilnehmer wie Konferenzen). Seitdem hat sich die internationale Wissenschaftsgemeinschaft stetig vergößert. Inzwischen sind Experimente wie am Large-Hadron Collider (LHC) am CERN bei Genf oder der European XFEL am DESY in Hamburg nur noch in internationaler Zusammenarbeit zu bewätligen – sowohl finanziell wie intellektuell.

Globale Projekte setzen auf Zusammenarbeit. In der Vergangenheit hat die experimentelle Teilchenphysik eine beispielhafte Kultur der internationalen Zusammenarbeit zum Aufbau und Betrieb von Experimenten entwickelt. Experimentatoren müssen diese Kollaborationen zum Funktionieren bringen, um die wissenschaftlichen Herausforderungen zu meistern. Und dieses kollaborative Modell hat sich für Experimente so gut bewährt, dass es zu dem einschlägigen Modell für Teilchenbeschleuniger-Experimente wurde. (Albrecht Wagner, aus: The ILC Challenge)

Die Globalisierung von Wissenschaft und Technik führt zu einer nie dagewesenen informellen und wirtschaftspolitischen Vernetzung. Das kollektive Bewusstsein, das sich zunehmend auch im Internet zusammenfindet, scheint hin und hergerissen zwischen Technikeuphorie, Wissenschaftsgläubigkeit und Innovationsbereitschaft, aber auch einer wachsenden Skepsis gegenüber den atemberaubenden technischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die mehr und mehr flankiert wird von kruden Verschwörungstheorien.

Denn in dem Maße, in dem die naturwissenschaftliche Denkweise alle Entscheidungskriterien monopolisiert, tritt auch ihr wesentliches Ungenügen zutage. Das zumindest befürchtet der Sachbuchautor und Künstler Sandro Bocola in seinem Buch “Die Kunst der Moderne“, das auch eine Grundlage für die vorliegende Beitragsreihe bildet. Die nüchtern-sachliche Sicht der Naturwissenschaften auf die Welt führe zu einer völligen Ausklammerung jeder Wert und Sinnfrage, unterstützt von einem kapitalistischen Gesellschaftssystem, dessen einziger Sinn sich in einem banalen Konsumgedanken erschöpft.

Der Kernphysiker Hans-Peter Dürr sieht an dieser Art der Wissenschaftskritik auch eine Möglichkeit, nämlich die Erkenntnis, dass die durch naturwissenschaftliches Denken oder durch naturwissenschaftliche Methoden beschreibbare Wirklichkeit nicht die eigentliche, die ganze Wirklichkeit darstelle, ja, dass mit den Naturwissenschaften nicht einmal der für uns Menschen wesentliche Teil der eigentlichen Wirklichkeit beleuchtet würde. Es sei deshalb nicht wissenschaftsfeindlich, so Dürr weiter, wenn auf solche prinzipiellen Grenzen der Wissenschaft aufmerksam gemacht würde, denn gerade das Aufzeigen der Grenzen würde den Blick für das schärfen, was man begreifen könne,und letztlich die Fundamente des Wissenschaftssystem stärken. Und so ist bestimmt auch das professionelle Interesse von Olaf Breidbach zu verstehen, das der Kognitionsforscher und Interviewpartner dieser Beitragsreihe Zeit seines Lebens für die Bildenden Künste verspürt hat.

Sehen ist nicht einfach die Wahrnehmung dessen, was da ist. Die Objektivität der Naturwissenschaften gründet zwar darauf, dass es jemanden gibt, der zuschaut. Aber die Wahrheiten werden nicht einfach durch wahrnehmen gefunden. (Olaf Breidbach, aus: Bilder des Wissens)

Der Teilchenphysiker Victor F. Weisskopf, der übrigens gut bekannt war mit dem Physiker und Interviewpartner der vorliegenden Beitragsreihe, Albrecht Wagner, berichtete von folgender Anekdote, die ihm als junger Mann zugetragen wurde: Felix Bloch und Werner Heisenberg hätten angeregt über die aktuellen Probleme der Physik diskutiert, Bloch hätte seine Ideen über bestimmte mathematische Strukturen des Raumes zu erläutern versucht, da hätte Heisenberg, gedanklich offenbar auf Abwegen, plötzlich ausgerufen: „Der Raum ist blau und es fliegen Vögel in ihm!“

Und vielleicht liegt genau diese Erkenntnis, nämlich dass unsere Wirklichkeit mehr ist als die von (Natur-)Wissenschaft abgebildete Realität, der folgenden Anekdote zugrunde: Der Kunsthistoriker und Interviewpartner dieser Beitragsreihe, Robert Kudielka, der als ausgezeichneter Wissenschaftler und Kenner der Aufklärung, Phänomenologie und Hermeneutik gilt, berichtet darin von seiner ersten Begegnung mit der Malerin Bridget Riley:

Ich habe die Künstlerin im Dezember 1967 in ihrem Londoner Studio im Holland Park kennengelernt, wo sie bis heute arbeitet. Sie hatte gerade das Gemälde „Deny 2“ fertiggestellt, das an der Wand lehnte, zusammen mit zwei anderen Gemälden, „Breath“ und „Disturbance“. Als ich mich umsah, begannen wir über die Arbeit zu reden und es wurde mir schnell klar, dass ich mein Gegenstück gefunden hatte: eine kompromisslose visuelle Intelligenz, die eine Kunst verfolgt, die frei von jeglicher Bedeutung und voller Ambitionen ist. Dies war die richtige Herausforderung für einen jungen deutschen Philosophen, der sich intensiv mit Phänomenologie und Geschichte der Metaphysik befasste und seine Doktorarbeit über Kants Ästhetik vorbereitete. Der Titel meines ersten ausführlichen Aufsatzes über Riley, „Nothing but Appearance“ („Nichts als Erscheinung“), klingt noch immer nach im Nachgang dieser anfänglichen, wirklich befreienden Aufregung: Stellen Sie sich vor – eine Kunst, die weder zurückhaltend noch vorgetäuscht ist! (Robert Kudielka on Bridget Riley: Essays and Interviews Since 1972)

Aber was bleibt dann der Naturwissenschaft, wenn sie die Wirklichkeit nie ganz zu fassen bekommt? Immerhin nicht weniger, als Zustände und Zustandsänderungen der uns umgebenden Realität mittels experimenteller und mathematischer Methoden zu beschreiben, und zwar besser als jeder andere, um sich Schritt für Schritt und immer weiter und weiter von den Phänomenen unseres Alltags herkommend den großen, fundamentalen kosmologischen Fragestellungen anzunähern: die fundamentalen Fragen, die sich die Menschen seit jeher stellen – woher kommen, wohin gehen wir…

(Basierend auf: Grenzen und Optionen der Naturwissenschaft, eine Hörspielproduktion des FSK von Ilja Bohnet & Bernhard Kaufmann mit den Gesprächspartnern Olaf Breidbach (Philosoph, Biologe und Kognitionsforscher), Robert Kudielka (Kunsthistoriker) und Albrecht Wagner (Physiker), Hamburg 1999)

Link zur Audio-Datei des Radiofeatures

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