Wissenschaftsgeschichte – Teil 1

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11. Mai 2019 von ibohnet

Von den ganzheitlichen Erklärungen der Weltreligionen zu partiellen, wissenschaftlichen Erklärungsansätzen

Seit Beginn der Kulturgeschichte sucht der Mensch nach Erklärungen über die Entstehung der Welt, des Lebens und seiner eigenen Existenz. In den ersten mystischen Religionen steckt der Gedanke des Werdens der Welt aus einer unbestimmten Urwirklichkeit. Das Selbst- und Weltbild des Menschen hat sich in den verschiedenen Epochen seiner Kulturgeschichte immer wieder grundlegend geändert, und mit diesen Veränderungen auch seine Ideale und Ambitionen. Das Bewusstsein des Menschen, dass die Welt nicht aus sich heraus existiert, mündete schließlich in dem Schöpfungsglauben der Universalreligionen. Doch so verschieden die Erklärungen im Einzelnen sein mögen, ist ihnen eines gemeinsam: Sie alle richten sich auf die Gesamtheit der Phänomene, erklären alles Seiende auf eine ganzheitliche Weise und bieten eine absolute Wahrheit auf die Frage „was die Welt ist“.

Die ersten Versuche einer Formalisierung des Weltbildes, d. h. ihre Strukturierung auf Grundlage von Gesetzmäßigkeiten, reichen weit zurück in Kulturgeschichte des Menschen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Astronomie, die solange existiert wie die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit.

Im Laufe der Zeit wandelte sich die Astronomie von der bloßen Kunde der Beobachtung des Sternenhimmels und seiner Zyklen zu einer geometrischen Astronomie bis hin zur modernen Astrophysik.

Vorgeschichtlichen Himmelsbeobachtungen beginnen mit Wandmalereien (ca. 17.000 bis 15.000 v. u. Z.) und reichen bis zu beidruckenden Bauwerken der Steinzeit. Die bedeutendste prähistorische Kultstätte Europas ist Stonehenge. Sie diente wahrscheinlich über ihre Funktion als ritueller Ort hinaus als ein himmlischer Kalender, denn genaue Kenntnisse über die Vorgänge am Himmel wie zu den Jahreszeiten waren für sesshafte, landwirtschaftliche Kulturen lebenswichtig. Eine Vorausschau über bedeutsame alljährliche Ereignisse ermöglichte Planung. Gleichzeitig ermöglichte das Vorhersagen von Himmelsphänomene und ihre eindrucksvolle religiöse Interpretation. Diese Motivation lässt sich weltweit für viele Kultbauten aus unterschiedlichen Epochen zeigen. Astronomie wurde also praktisch in allen frühen Hochkulturen betrieben und war stets eng mit der Mythologie und dem religiösen Selbstverständnis der Hochkultur verknüpft. Aber lässt sich die Himmelskunde des alten Ägyptens, Mesopotamiens oder des antiken Griechenlands bereits als Naturwissenschaft bezeichnen? Zweifellos setzte die antike Astronomie ein sehr gutes mathematisches Wissen voraus. Immerhin postulierte der griechische Philosoph Demokrit bereits etwa 430 v. Chr., dass die gesamte Natur aus kleinsten, unteilbaren Einheiten, den Atomen, zusammengesetzt sei. Jedes dieser Atome sollte fest und massiv, aber nicht gleich sein. Es gäbe unendlich viele Atome: runde, glatte, unregelmäßige und krumme. Wenn diese sich einander näherten, zusammenfielen, sich miteinander verflechten würden, dann erschienen die einen als Wasser, andere als Feuer, andere wieder als Pflanze oder gar als Tier oder Mensch. Allerdings steht Demokrits Behauptung noch nicht auf einer soliden, formalen Grundlage.

Moderne Wissenschaft ist doch noch etwas ganz anderes, als das was die Griechen damals “Episteme“ oder “Sciencia“ nannten. Wenn man es aber doch so weit fassen würde, ist vielleicht das erste wissenschaftliche Gesetz zugleich das Bedeutendste gewesen und das Einflussreichste, weil es zum ersten Mal Gesetzmäßigkeit in mathematischer Weise als Notwendigkeit eines Sachverhaltes statuiert hat und zudem weit über die Naturwissenschaft hinaus gewirkt hat: Nämlich die pythagoreische Erfindung, dass wenn ich eine Seite, eine gespannte Seite um die Hälfte teile, dass dann der Ton um eine Oktave höher ist. Es ist das erste Naturgesetz überhaupt gewesen. Es ist möglicherweise auf lange Zeit das einflussreichste gewesen, weil es nämlich Gesetzmäßigkeit auf dieser wunderbaren, klaren Weise zum ersten Mal in mathematischer Form herausgestellt hat. Und natürlich ist es auch die Grundlage einer großen Musikentwicklung des abendländischen, tonalen Systems gewesen.  (Robert Kudielka, Kunsthistoriker)

Aber zunächst behindern religiöse oder naturphilosophische Dogmen die Weiterentwicklung, andererseits fehlt noch eine solide formale Grundlage, auf die sich die “Erforschung der Welt stellen“ könnte. Die Mathematik, das große Erbe der griechischen Kultur, unter den Römern und ihrem Weltreich einigermaßen erhalten, entwickelt sich im Mittelalter in europa nur zögerlich, die größten Fortschritte wurden dabei in der muslimischen Welt erreicht. Doch der kulturelle Austausch zwischen den der muslimischen und der christlichen Welt war sehr eingeschränkt und erfolgt zumeist unter dem Eindruck des Krieges.

So verhindert noch im 12. Jahrhundert ein Kirchenedikt den Austausch der bis dahin gebräuchlichen römischen Ziffern durch die arabischen, die für eine sinnvolle Anwendung einer komplexen Algebra unabdingbar sind.

(Basierend auf: Grenzen und Optionen der Naturwissenschaft, eine Hörspielproduktion des FSK von Ilja Bohnet & Bernhard Kaufmann mit den Gesprächspartnern Olaf Breidbach (Philosoph, Biologe und Kognitionsforscher), Robert Kudielka (Kunsthistoriker) und Albrecht Wagner (Physiker), Hamburg 1999)

Link zur Audio-Datei des Radiofeatures

 

 

 

 

 

 

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