Outtakes aus Pleitgens Biografie – Alterseinsichten (III)

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29. Dezember 2018 von ibohnet

Das eine oder andere hat nicht Eingang in Pleitgens Biografie gefunden. Darunter manche Perle, die ich nun im Rahmen dieser Blogbeiträge nachreiche.

Heute: Alterseinsichten (Teil 3) –  Über den Humor als Waffe und traurige Altersweisheiten

Ilja Bohnet: Unterscheidest du zwischen Witz und Humor?

Ulrich Pleitgen: Humor ist eine Eigenschaft, der Witz ist ein Konstrukt. Witz steht für eine gewisse Schlagfertigkeit. Humor dagegen ist eine Grundhaltung. Deshalb bildet der Humor für mich den interessanteren Aspekt in dieser Frage. Witz ist etwas Konstruiertes, man bereitet anderen Spaß und gute Laune, indem man einen Witz macht und eine richtige Pointe setzt oder wirklich schlagfertig auf irgendetwas reagiert, und der ganze Saal vor Lachen brüllt. Das macht unter Umständen einen Witz aus.

Ilja Bohnet: Helmut Schmidt hat gesagt, dass Franz Josef Strauß zwar nicht humorbegabt, aber dennoch sehr witzig gewesen sei.

Ulrich Pleitgen: Das glaube ich gerne, denkt man an den bissigen Strauß. Humor ist menschenfreundlicher, ein Witz dagegen kann sehr verletzend sein. Humor ist für mich eine Möglichkeit meine Melancholie zu vertreiben. Du wirst immer erleben, dass Melancholiker am meisten lachen und am humorigsten sind. Sie müssen das haben. Das ist das Gegengift gegen den Drang zum Selbstmord. Das gilt auf jeden Fall für mich. Ganz klar. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass ich damit alleine bin. Ich war ein Leben lang ein Melancholiker. Nicht in einem sentimentalen Sinn. Aber die melancholische Sicht der Dinge gibt mir eine gewisse Ruhe. Und sie ist, finde ich, auch die richtige Sicht auf die Welt. Melancholie entsteht angesichts des sich Bewusstseins von der ständigen Anwesenheit des Todes (wenn man sich dem mal etwas philosophisch zu nähern wagt). Das heißt für mich: mein Humor vertreibt den Wunsch nach Selbstmord. Ich würde nie Selbstmord begehen, das will ich damit nicht sagen, aber das Gefühl, ein solchen begehen zu wollen, wäre stärker, wenn nicht der Humor dagegen halten würde. Selbstmordgefühle kommen durchaus schon mal auf, schon mein Leben lang, die haben also nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun, aber ich galt immer als besonders humorig, und das Lachen und der Humor haben diese dunklen Gedanken stets erfolgreich vertreiben können. Du lachst den Ernst des Lebens weg, nach dem Motto: Nimm es nicht so schwer, mein Sohn!

Ilja Bohnet: Es gibt ein paar schöne Anmerkung der Philosphen Immanuel Kant und Henri Bergson über das Lachen und den Humor.

Ulrich Pleitgen: Lachen braucht Gemeinschaft, Humor kann man interessanterweise nicht mit sich selbst veranstalten. Oder höchst selten, also fast nie. Humor auszuleben ist nur im Zusammensein mit anderen Menschen möglich. Wie willst du humorig sein, wenn du morgens allein in der Küche stehst und dir Kaffee machst? Wo kriegst du da den Humor her? Es gibt vielleicht mal so Momente, in denen man alleine ist und in eine komische Situation gerät, aber lacht man alleine über sich in einer solchen Situation? Es fällt einem dauernd etwas herunter, und beim vierten Mal ist etwas endgültig zu Bruch gegangen. An sich vielleicht komisch, aber lacht man darüber, wenn man alleine ist?

Ilja Bohnet: In der Einsamkeit lässt sich eigentlich kein Humor entwickeln. Robinson Crusoe also ein Mensch ohne Humor.

Ulrich Pleitgen: Das Erleben von komischen Dingen beim Alleinsein ist eben halt halb so komisch. Wenn ich alleine vorm Fernseher sitze und zum Beispiel eine Komödie sehe, dann fehlt mir jemand zum Mitlachen. Auch das Erleben von Humor bedarf der Gemeinschaft. Dass es Menschen gibt, die das Leben mit Humor nehmen, auch außerhalb der von mir so etwas dramatisch beschriebenen Antiselbstmordthese, glaube ich übrigens auch. Humor kann also auch aus einer etwas anderen, weniger verzweifelten Ecke kommen. Aber der Grund ist immer, dass Humor die Waffe ist gegen das Grauen. Da bin ich fest von überzeugt. Nicht unbedingt bewusst eingesetzt, aber lebensverlängernd in der Wirkung. Gegen das Gefühl der Todessehnsucht oder Schwermut.

Ilja Bohnet: Es gibt in dem Film von Jean-Jacques Annaud „Am Anfang war das Feuer“ eine Filmsequenz über die Entdeckung des Humors in der Steinzeit.Das Lachen über das schmerzhafte Missgeschick eines anderen.

Ulrich Pleitgen: Lachen hat immer etwas mit lachen über jemanden zu tun. Weißt du, dass ich hier einen sehr interessanten Aspekt unseres Gesprächs sehe. Es wird doch häufig über Schadenfreude geredet, darüber, dass Schadenfreude doch die größte Freude sei. Ich habe das nie verstanden. Denn niemand lacht doch per se über den Schaden, den ein anderer erleidet. Sondern, über den komischen Ausdruck, den der andere macht, während er das Missgeschick erleidet. Die Absurdität, die dahinter steckt. Es ist die komische Krümmung des Körpers, das verzerrte Gesicht, die komische Haltung, das Absurde, das dem anderen widerfährt, was die Menschen lachen lässt – angesichts eines Menschen, der stolpert, fällt, auf den Boden plumpst. Das Unvorhergesehene und die Kettenreaktion. Das Komische macht die Tatsache, dass etwas absurdes passiert, aber nicht der Umstand, dass sich Menschen dabei wehtun. Ich weiß nicht, von wem dieser idiotische Spruch kommt: Schadenfreude ist die schönste Freude. Den hasse ich wie nichts auf der Welt. Denn so sind Menschen nicht. Die Menschen machen alles Mögliche, aber sie lachen nicht aus Schadenfreude.

Ilja Bohnet: Gibt es einen klassenlosen Humor?

Ulrich Pleitgen: Wenn jemand eine humane Grundeinstellung hat, dann kann ich mich mit ihm auch unterhalten. Ich wüsste nicht, wie ich mich mit einem Nazi unterhalten sollte. Aber davon mal abgesehen, im Grunde genommen müsste man mit allen Menschen reden können, sollten alle Menschen – kulturübergreifend – grundsätzlich einen ähnlichen Humor haben.

Ilja Bohnet: Warum scheuen Revolutionäre und der Klerus den Humor?

Ulrich Pleitgen: Alle Leute, die glauben absolut recht zu haben, besitzen kein Humor. Humor können sie nicht gebrauchen, denn Humor bedeutet immer auch eine Infragestellung seiner selbst. Ich glaube, dass alle Menschen, die hundertprozentig von sich oder einer Sache überzeugt sind, kein Humor haben können. Deshalb sind sie auch gefährlich. Weil es etwas inhumanes ist, keinen Humor zu haben. Außerdem gibt es kein hundertprozentiges Rechthaben. Davor kann ich nur warnen. Ich möchte dagegen mit Leuten zusammensein, die Fragen stellen, auf die sie nicht unmittelbar eine Antwort wissen. Wenn einer alles zu beantworten weiß, kann man nur weglaufen.

Ilja Bohnet: Verändert sich der Humor im Alter?

Ulrich Pleitgen: Nein, das glaube ich nicht. Ich habe mich immer schon gerne über Dinge kaputt gelacht, über die ich auch heute noch lache. Die Art des Lachens hat sich im LAufe meines Lebens verändert, wir sprachen schon davon. Ich erinnere mich an Lachsalven, die ich früher meine Jugend hatte, dieses Welteroberungslachen, das ich früher hatte. Nicht dieses nervöse Lachen, dass man manchmal auf der Bühne spielt, dass der ganze Laden kracht. Ich konnte früher über Sachen stundenlang lachen und einfach nicht mehr aufhören. Aber grundsätzlich gilt: wer lacht, der lacht. Das ändert sich im Alter nicht. Und wer nicht lacht, wie heißt es so schön, und für das Lachen in den Keller geht, der geht sein Leben lang damit in den Keller. Es ist ein bisschen eine Haltungsfrage. Es gibt Menschen, die glauben, sie würden sich beim Lachen etwas vergeben. Sie versuchen dann besonders vornehmen zu lachen. Ich gehöre zu denen, die lauthals prusten können vor Lachen. Aber früher war das tatsächlich stärker. Und auch befreiender. Ich empfinde das Lachen heute nicht mehr so befreiend wie früher. Früher war nach einem Lachanfall so viel frische Luft um mich herum. Das ist heute leider nicht mehr so. Es ist leider alles etwas beschwerter geworden.

Ilja Bohnet: Warum?

Ulrich Pleitgen: Das Problem ist das unausweichliche Näherrücken des Endes. Das ist mir einfach sehr bewusst. Das darf man einem jungen Menschen gar nicht sagen. Mir ist die Unbefangenheit verloren gegangen, wie ich auf die Dinge schaue. Ich wäre einfach gerne noch sehr lange dabei. Aber ich ahne, dass es nicht so sein wird. Das Leben wird einfach am Lebensende sehr schwer. Deine Mutter und ich sind hier wie geistige Zwillinge, in diesem starken Bedauern des Altwerdens – wir sind einfach so gern auf der Welt.

Ilja Bohnet: Von welcher Hoffnung wirst du im Alter getrieben?

Ulrich Pleitgen: Von der egoistischen Hoffnung, dass ich vor deiner Mutter sterben muss. Leider müsste sie dann alleine bleiben, und nicht ich. Aber das kann ich nicht ändern, denn ich könnte nicht einen Tag ohne sie leben. Davon abgesehen kann meine Hoffnung nur sein, wie sie jeder alte Mensch hat: möglichst lange gesund bleiben, lange im vollen Bewusstsein leben können und so wenig fremde Hilfe brauchen wie möglich. Denn abhängig zu sein von fremder Hilfe, ist eine düstere Vorstellung. Aber diese Hoffnung ist wohl bei allen alten Menschen dieselbe, da bin ich mir ganz sicher. Alle alten Leute haben dasselbe Problem: den Tod vor Augen. Einige reden sich das schön, andere reden gar nicht drüber. Und mir platzt manchmal die Wut darüber einfach so heraus. Diese Endlichkeit vor Augen ist etwas nervenaufreibendes. Aber man kann durch Arbeit und Tätigkeit vieles davon vergessen machen. Damit kommt man kurzzeitig darüber hinweg. In der mir verbleibenden Zeit möchte ich mir aussuchen, was ich machen kann. Möchte Lesungen machen und interessante Filme. Man muss aktiv bleiben. Doch: aktiv, was heißt das sonst noch? Spazierengehen? Ein Feuerwerk im Wendland anschauen? Sicher, das auch, aber mit Freizeitbeschäftigungen habe ich es nicht so, das ist nicht die Art und Weise, wie ich Altwerden kann. Der Mensch ist für die Arbeit gemacht. Davon bin ich fest überzeugt. Und wenn deine Arbeit darin besteht, einfach dazusitzen und nachzudenken. Und über mein Missgeschick und das der anderen zu lachen.

Ilja Bohnet: Das Leben ist eine Rutschbahn …

Ulrich Pleitgen: Ja, das Leben ist eine Rutschbahn. Das Leben ist Molière.

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