Outtakes aus Pleitgens Biografie – Reiseberichte (IV)

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20. Dezember 2018 von ibohnet

Das eine oder andere hat nicht Eingang in Pleitgens Biografie gefunden. Darunter manche Perle, die ich nun im Rahmen dieser Blogbeiträge nachreiche.

Heute: Reiseberichte (Teil 4) – Ein Resümee

Ilja Bohnet: Wenn du ein Resümee über deine Reisen in die fremden Landen und ihre Bewohner (in Russland, Afrika, Australien und Nordamerika) ziehen müsstest, wie würde es lauten?

Ulrich Pleitgen: Dass die jeweilige Landespolitik sich von den Wünschen und Gefühlen der Menschen des Landes sehr stark unterscheidet. Das habe ich schon in Russland bemerkt, aber in all den Ländern, über die wir hier gesprochen haben, als Phänomen beobachten können. Das Bild, das uns die Medien  von einem Land vermitteln, ist immer sehr stark von dem offiziellen Verhältnis, in dem unsere Länder zueinander stehen, bestimmt und geprägt. Meine Erfahrung ist, dass die Menschen hinter diesen offiziellen Bildern ganz anders sein können. Man kommt in ein Land, und die Leute distanzieren sich beispielsweise von der Staatspolitik ihres Landes. »Unsere Politiker sind Idioten«, erklären sie dir, »wir wollen das doch alles gar nicht.« Ich habe zum Beispiel in Australien nur Menschen angetroffen, die dem  staatlich verordneten Umgang mit den Aborigines sehr kritisch gegenüberstehen. Ich habe bei meinen Reisen oft erlebt, dass ich einen ganz anderen Eindruck von Land und Leuten bekommen habe, als ich erwartet hatte. Meinem Anschein nach wünschen sich die Menschen überall Frieden, niemand will irgendwo in den Krieg ziehen. Bisweilen werden die Menschen aufgehetzt – man kann sie verhetzen und falsch informieren: dem Motte gemäß, dass ihnen zum Beispiel eine große Gefahr da draußen droht und so weiter, damit bekommt man Menschen auf seine Seite, durch Populismus und Falschinformation. Grundsätzlich aber habe ich überall die Erfahrung gemacht, dass die Menschen eine tiefe Sehnsucht nach Frieden haben. Das klingt etwas pastoral, aber es ist so.

Ilja Bohnet: Das ist ein sehr menschenfreundlicher Ansatz.

Ulrich Pleitgen: Und er entspricht meiner Erfahrung. Allerdings habe ich neulich ein klein bisschen etwas gegenteiliges erlebt. Mein türkischer Gemüsehändler, zu dem ich sehr gerne hingehe, weil ich den türkischen Honig und die türkischen Blätterteigbäckereien so sehr mag, aber insbesondere die Art und Weise, wie er mir diese Leckereien verkauft – mein türkischer Gemüsehändler ist herrlich kommunikativ und wunderbar herzlich. Und dann habe ich so fraternisierend zu ihm gesagt: »Die Merkel und der Erdogan, die beiden machen doch die Probleme, wir, wir sind uns doch eins!« Ich habe mich gemein zu machen versucht mit der Straße, noch dazu auf Kosten der Staatsräson, wie es leider typisch ist für mich, man möge mir verzeihen. Mein türkischer Gemüsehändler guckte mich nur ernst an und sagte kein Wort.

Ilja Bohnet: Weil er Erdogan gut findet?

Ulrich Pleitgen: Jaa! (Lacht!) Weil er Erdogan und dessen osmanische Politik selbstverständlich großartig findet. Und ich stand mit meinem Völkerverständnis, Gutmenschtum und dem »wir lieben uns doch alle!« plötzlich ganz allein da. Als hätte ich mir in die Hose gemacht. Es war schrecklich peinlich.

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