Outtakes aus Pleitgens Biografie – Reiseberichte (II)

Hinterlasse einen Kommentar

18. Dezember 2018 von ibohnet

Das eine oder andere hat nicht Eingang in Pleitgens Biografie gefunden. Darunter manche Perle, die ich nun im Rahmen dieser Blogbeiträge nachreiche.

Heute: Reiseberichte (Teil 2) – Australien

Ilja Bohnet: Verlassen wir Afrika und wenden uns einem anderen Kontinent zu: Australien: Dort hast du auch gedreht.

Ulrich Pleitgen: Australien ist für mich ein bewundernswertes Land. Ich habe dort mehrere Filme gedreht. Aber weil wir gerade über Südafrika sprachen: Auch Australien hat ein eine Kolonialgeschichte, die nach wie vor soziale Fragen aufwirft. Die Aborigines, die Ureinwohner dieses Kontinents sitzen am Straßenrand der urbanen Zentren und saufen. Früher wurden sie mit vergifteten Weizen getötet, heute durch den Alkohol. Das muss man sich mal vorstellen. In den Outbecks gibt es aber noch sehr ursprüngliche Stämme, die in der Natur leben. Die mit der kargen Natur leben ohne etwas zu produzieren, ohne Warenhandel betreiben zu müssen. Sie wissen, wie man an Wasser, an Honig oder essbare Insekten rankommt, wie man die Früchte ihrer Umwelt zubereiten muss. Und sie verstehen es, Tiere zu jagen. Sie leben nomadisch, ähnlich wie seinerzeit die Indianer in der Prärie in Nordamerika. Von der Hand in den Mund. Ohne Besitz. Eine klassenlose und statussymbollose Gesellschaft. Mit kleinen Ausnahmen: die Schamanen beispielsweise sind höherrangig. Die Aborigines  haben eine ganz eigene Kunst. Sie spielen dieses Didgeridoo, ein Blasinstrument,  womit sie Musik machen, diese sonoren, nicht enden wollenden Töne erzeugen. Die Aborigines haben die Idee von der Traumzeit und sie haben den Uluṟu, diesen aus der zentralaustralischen Wüste ragenden Inselberg, den die Weißen Ayers Rock nennen, von den Briten benannt zu Ehren des britischen Entdeckers, der den Kontinent erschlossen hat. Wie so ein Kuchen auf einer Kuchenplatte steht der Inselberg auf dem platten Land. Meines Wissens ist nach wie vor unbekannt, wie dieser rote Berg geologisch zustande gekommen ist. Im Grunde genommen sieht es so aus, als hätte ihn ein göttliches Wesen einfach auf das Land gesetzt. Das ist das größte Heiligtum der Aborigines. Sie gehen keiner Arbeit im Sinne der modernen Lebensweise nach. Sie malen wirklich sehr eindrucksvoll. Ein Volk, das im Grunde genommen spirituell lebt. Der australische Staat alimentiert die Aborigines, aber ist außerstande, sie zu integrieren, die Kinder auf die Schulen zu bringen und so weiter. Aber vielleicht lassen sich die Aborigines auch nicht ohne weiteres in die westliche Lebensweise integrieren. Die Kehrseite diese Parallelgesellschaft ist, dass sie auf der Straße sitzen und trinken. Ein staatlich alimentiertes Trinken. Wenn das so weitergeht, dann verschwinden die Aborigines möglicherweise.

Ilja Bohnet: Das Problem von allen nomadisch lebenden Gesellschaften im Wettbewerb mit der modernen Welt. Wie sind die eingewanderten Weißen in Australien?

Ulrich Pleitgen: Die Australier sind Alleskönner. Sie müssen alles können, weil sie so isoliert wohnen und leben. Die einzelnen australischen Familien wohnen hunderte von Kilometern voneinander entfernt, sie müssen für alles gewappnet sein: ist der Trecker kaputt oder funktioniert das Auto nicht mehr, ist irgendetwas im Haus zu reparieren – der Australier muss sich selbst helfen können. Die Männer und Frauen sind erstaunlich, besonders die Frauen, die ich als ganz besonders wahrgenommen habe, weil sie so ungeheuer emanzipiert und selbstbewusst sind, aber ihre Männer trotzdem sehr lieben. Die Australier sind sehr hilfsbereit, was sicherlich aus ihrer Pionierzeit stammt, die noch sehr zu spüren ist. Man hat dort auch das Gefühl, dass in Australien nicht mehr viel passiert. Es gibt zwar die großen Städte, die durchaus noch wachsen, aber ein großer Teil der Menschen lebt den Outbecks. Australien ist riesig groß. Man muss einfach alles können, um in diesem Land zu überleben. Auch die medizinische Nothilfe gehört dazu, wenngleich das medizinische Versorgungssystem in Australien sehr gut organisiert ist und man auf die zu überwindenden Distanzen eingestellt ist: es gibt Hubschrauber und Propellerflugzeuge, die sehr selbstverständlich eingesetzt werden. Kurz: die Australier sind sehr hilfsbereite Leute. Die Männer spielen ein bisschen Cowboy, aber anders als Amis. Die Amis sind ja von ihrem „Cowboytum“ überzeugt: »Hey!« – sehr langsam und selbstbewusst gesprochen, mehr braucht der Ami am Tag nicht zu sagen. Die Australier sind da ganz anders, sie unterhalten sich den ganzen Tag. Und sie veranstalten große Partys, auf denen nur Fleisch gegessen wird. So viel Fleisch, das es einen fertig macht. Sie vertragen auch viel Alkohol. Durch das Outbeck zu fahren ist sehr gefährlich. Man muss immer zu zweit fahren und genügend Wasser mit sich führen. Es kann dir in den Outbecks passieren, dass du dort über Wochen niemanden antriffst. Aus diesem Gründen fahren die Australier tatsächlich in die Outbecks in der Regel zu zweit. Alle Arten von Naturkatastrophen sind in Australien vorstellbar, von sintflutartigen Regenfällen bis hin zu den berühmten Buschfeuern. Aber die Vegetation braucht dieser Buschfeuer, weil sie sich auf den Bewuchs auf abgebrannter Erde eingestellt hat. Kurz: ein abenteuerliches, faszinierendes Land.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Trage deine Email-Adresse ein um Email-Benachrichtigungen über neue Bloposts zu erhalten.

Sachbuch

Krimis

Kurzgeschichten

%d Bloggern gefällt das: