Outtakes aus Pleitgens Biografie – Freundschaft und Liebe (II)

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16. Dezember 2018 von ibohnet

Das eine oder andere hat nicht Eingang in Pleitgens Biografie gefunden. Darunter manche Perle, die ich nun im Rahmen dieser Blogbeiträge nachreiche.

Heute: Freundschaft und Liebe (Teil 2) – Über wichtige Voraussetzungen: Humor, sinnliche Faszination und Respekt

Ilja Bohnet: Gibt es Freundschaft ohne ein gemeinsames Verständnis von Humor? Und inwiefern braucht man für eine Freundschaft dieselbe Weltanschauung? Oder anders gefragt, inwiefern sind Humor und Weltanschauung Grundlage für wahre Freundschaft?

Ulrich Pleitgen: Wenn zwei Menschen für ihre Freundschaft unbedingt derselben Weltanschauung anhängen müssten, dann wäre das schon sehr traurig. Es gibt allerdings Weltanschauungen, die eine übergreifende Freundschaft nicht zulassen. Ein Nationalsozialist und ein Linksliberaler können nicht Freunde werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktioniert. Es gibt Weltanschauungen, die Menschen definitiv voneinander trennen.

Ilja Bohnet: Und eine unterschiedliche politische Meinung?

Ulrich Pleitgen: Nicht unbedingt. Siehe zum Beispiel das Kabarett. Interessanterweise wissen die Kabarettisten sehr genau, dass ihr Publikum, das sie bejubelt und über sie lacht, durchaus aus Menschen besteht, über die sich die Kabarettisten in dem Kabarett lustig machen. Das ist sehr interessant, diese scheinheilige Allianz der Kabarettisten mit ihrem Publikum: »Wir sind alle einer Meinung, wir verstehen uns so gut, wir sind alle Freunde, die ganze Welt sieht so aus«, das ist nur ein Trugschluss. Eine unterschiedliche politische Meinung muss also nicht trennend wirken. Andererseits glaube ich, dass ein gemeinsamer Humor eine wichtige Grundlage für Freundschaft bildet, was nicht ausschließt, dass sich zwei völlig humorlose Menschen nicht auch befreunden können. Ich habe solche Freundschaften schon erlebt, nicht persönlich, sondern als Tischnachbar bei Bobby Reich, meinem Café an der Alster, in dem ich manchmal sitze, wenn ich eine Pause vom Textlernen mache. Neulich lauschte ich einem solchen Gespräch zweier vollkommen Humorloser, nicht aus Neugier, sondern zwangsläufig, weil ich alleine am Tisch neben den beiden saß. Zwei alte Kerle, die vollkommen einer Meinung waren, und total humorlos dabei. Sie unterhielten sich in einem preußisch militärischen Ton: »Dieses und jenes!« Der andere antwortete im selben preußischen Tonfall: »Jawoll.« Da wusste man, jawoll, die sind wie aus einem Ei, die verstehen sich bestens. Aber für die Menschen, die über Humor verfügen, kann er eine tolle Grundlage für Freundschaft bilden. Ich habe beispielsweise einen befreunden Journalisten hier in der Nachbarschaft, mit dem ich verschiedentlich zusammenkomme. Die Zusammenkünfte sind immer ganz wunderbar, weil wir eine ähnlich humorige Ebene haben, uns auch selbst gern auf den Arm nehmen. Wenn einer sich beispielsweise nicht selbst auf den Arm nehmen kann, und auf jemanden stößt, der das gut und gerne macht, dann funktioniert sowas nicht, dann kommt eine Freundschaft unter Umständen gar nicht erst zustande. Denn für eine Freundschaft muss man auch großen gegenseitigen Respekt füreinander haben. Ein quasi-demokratisches Grundverständnis, auch wenn ich es jetzt nicht so stark politisch formulieren möchte. Freundschaft verlangt, dass ich mich mit dem anderen Menschen auseinandersetze. Ich muss nicht absolut einer Meinung sein mit dem Menschen, im Gegenteil, eine Demokratie kann nur leben, wenn verschiedene Meinungen aufeinander treffen und offen diskutiert werden. Es ist unproduktiv, nur mit Menschen zusammenzusein, die einem nach dem Wort reden. Das wäre absolut selbstreferentiell. Aber grundsätzlich bin ich gerne mit Menschen zusammen, mit denen mich eine Grundlinie vereint, und die mir gleichzeitig etwas erzählen können, was ich bisher nicht weiß. Das kann wiederum irgendwann zum Konflikt führen. Wenn einen die individuellen Kenntnisse und Erfahrungen sehr stark vom anderen trennen. Aber unterschiedliche Erfahrung muss eben nicht unbedingt trennen, sondern kann auch sehr fruchtbar und interessant sein. So kannte ich beispielsweise einen Förster in Dohren, der mir regelmäßig, wenn wir uns trafen Dinge über Forstwirtschaft und Ackerbau und Viehzucht erklärte, mich auch über die umweltpolitischen Aspekte aufklärte, von denen ich im Grunde genommen nicht viel verstehe. Aber ich muss sagen, es interessierte mich sehr, und ich zehrte sehr von seiner Expertise. Grundsätzlich muss allerdings das fremde Wissen für einen begreifbar sein. Insofern habe ich ein gewisses Problem mit den Naturwissenschaften. Es gibt bei mir ein Begabungsdefizit auf naturwissenschaftlichem Gebiet – wenn es nicht so blöd wäre, müsste man’s grandios nennen. Was ist wissenschaftliches Denken? Ich glaube, eine Frage der Logik. Wie auch immer, ein Verständnis für ganz bestimmte Bereiche der Physik, dass magst du mir bitte verzeihen, ist mir nicht möglich zu erlangen. Das habe ich schon in der Schule gemerkt. Insofern werde ich keine Freundschaft mit einem Physiker haben, der die Liebe zur Physik zu Grunde liegt.

Ilja Bohnet: Stichwort Liebe.

Ulrich Pleitgen: Meine intensiven familiären Erlebnisse, bis auf die, die ich später mit dir als Stiefsohn machte, hatte ich ausschließlich mit Frauen. Denn ich bin mit drei Frauen aufgewachsen: meiner Mutter, meiner Tante und meiner Großmutter. Als Steppke war mein erster Freund ein kleines Mädchen. Als Jugendlicher war mein bester Freund auch wieder ein Mädchen. Als wir uns das erste Mal küssten, entstanden schon halbsexuelle Gefühle. Ein unglaublicher Kuss, bei dem ich merkte, dass mein ganzer Körper mitmachte, noch unvollkommen, aber es war sehr schön. Wir waren beide dreizehn Jahre alt, und wir haben uns unglaublich sinnlich geküsst – der erste sinnliche Kuss meines Lebens. Dann hat sie zu mir gesagt, noch völlig außer Atem so wie ich: »Noch mal!« Und ich war so unglaublich betroffen und entzückt und außer mir, dass ich geantwortet habe: »Nein… Morgen wieder!« (Von da an haben wir aber zugelegt. Das war unser Lernprozess. Ein blondes Gretchen ersten Ranges, entzückend. Meine Mutter wurde ganz eifersüchtig und sagte: »Hast du nicht ihre Sektflaschenbeine?« Das hat mich sehr verletzt, aber keinen Zentimeter von dem Mädchen weggebracht.) Mit Jungen oder Männern habe ich keine vergleichbaren Erlebnisse gehabt. Eine homoerotische Geschichte kann ich trotzdem im Zusammenhang mit dem Film „Künstlerpech“ erzählen, den ich mit Beatrice Richter als Partnerin gedreht habe. Der Film handelt von einem Theaterstar, der sich durch seine Allüren und seinen Egoismus unbeliebt macht und – Hochmut kommt vor dem Fall – alles verliert: sein Engagement, das finanzielle Auskommen, sein komfortables Leben. Er wird aus dem Ensemble rausgeschmissen und landet auf der Straße. Seine Garderobiere richtet ihn mental wieder auf, und er startet unvermittelt und aus der Not heraus eine hochgradig erfolgreiche Laufbahn als Räuber: verkleidet in unterschiedlichen Rollen überfällt er Geschäfte und Banken und bleibt damit seiner Profession gewissermaßen treu. Ich spielte diesen Ex- Theaterstar auf Abwegen, eine wunderbare Rolle. Im Zusammenhang mit dem Dreh dieses Films ist mir etwas ganz komisches passiert. Ich musste mich für eine neue Szene einkleiden, die Figur sollte, als Frau verkleidet einen Juwelierladen überfallen. Nun wurde ich für diese Szene in einem Nebenraum zu recht gemacht, umgeben von ein paar männlichen Kollegen, Bühnentechnikern und so weiter, die mein normales Erscheinungsbild selbstverständlich kannten. Für diese Verkleidung als Frau wurde ich aber in besonderer Weise präpariert: Ich erhielt eine Perücke mit wunderbaren, blonden Haaren, meine Augenlieder wurden geschminkt, und weil ich sehr schöne Beine habe, wenn ich das sagen darf, durfte ich überdies einen kurzen Rock anziehen. Mit einem Mal war ich eine unglaublich attraktive Frau, und da passierte etwas merkwürdiges, ein „Twilight“-Erlebnis, etwas surreal, ich war plötzlich eine schöne Frau mit langen Beinen und einem schönen Gesicht, und die Bühnenarbeiter, die doch eigentlich wussten, wer hinter dieser Maske steckte, wurden plötzlich ganz scheu mir gegenüber. Es hatte etwas von einer bezaubernden Travestie – Transvestiten sind deshalb so schön, weil sie die Herbheit des Mannes und die Weiblichkeit der Frau haben, eine tolle Mischung. Die Bühnenarbeiter reagierten jedenfalls entsprechend nervös. Ich war plötzlich für sie zu einem fremden Wesen geworden, weil sie sich diese Metamorphose gar nicht haben vorstellen oder erklären können. Es hatte etwas von einem erotischen Prozess. Zwischen mir und den anderen. Von Mann zu Mann in diesem Fall. Nur durch die optische Erscheinung – so stark wirken Bilder auf uns. Das empfand ich als ein ganz großartiges Erlebnis.

Ilja Bohnet: Ein „Conchita Wurst“-Erlebnis?

Ulrich Pleitgnen: Ein bisschen so etwas war das. Conchita Wurst sehe ich auch als Frau. Er hat ja auch etwas ungeschicktes beziehungsweise überzeichnetes. Intelligent, aber etwas ungelenk; etwas nicht an weibliche Ausdrucksform gewöhntes, ein Misslingen von der konventionellen Form der Weltläufigkeit, das ich sehr mag. Ich finde Conchita Wurst richtig erotisch und sehe ihn komischerweise als Frau. Zweifellos gibt es eine Parallele zu meiner Künstlerpechgeschichte. Ich sah wirklich toll aus. Damals hatte ich noch Jeansgröße Nummer 29 – so habe ich angefangen, deine Mutter hat mich auch noch so kennengelernt. Heute habe ich 36, traurig.

Ilja Bohnet: Ist Ann-Monika mehr Frau, Partnerin oder Freundin für dich?

Ulrich Pleitgen: Sie ist für mich Frau, Partnerin und Freundin zugleich. Aber diese Beziehung zu beschreiben, ist fast unmöglich. Diese Frau ist alles für mich. Ich bin das geworden, was ich bin, nur durch sie. Sie steht im Mittelpunkt meines Lebens. Diese Absolutheit der Beziehung ist erstaunlich, und ich schwöre dir, sie beruht nicht auf Gewöhnung. Ich schwöre es oder ich kann es nicht beurteilen. Das ist natürlich möglich. Diese Absolutheit der Beziehung beruht darauf, dass etwas passiert, was man nicht erklären kann. Ich bin von deiner Mutter bezaubert. Seit Jahren. Ich kann nicht sagen warum. Möglicherweise kennst du sie gar nicht so, wie ich sie kenne. Wenn sie mit dir oder den Enkelkindern zusammen ist, dann ist sie im Muttermodus. Aber mit mir, das ist mein Eindruck, ist sie so, wie sie wirklich ist, einfach sie selbst. Das bedeutet beileibe nicht, dass bei uns ausschließlich Zärtlichkeit und Frieden herrscht, manchmal geht es auch mit Hammer und Meißel zur Sache, oft genug gehen wir regelrecht aufeinander los. Aber diese Beziehung ist für mich ein Mirakel. Ann-Monika ist auch eine Frau, die sehr fleißig ist. Ich liebe das. Ich liebe fleißige Menschen. Ich liebe tatkräftige Menschen, die etwas tun, etwas umsetzen wollen. Klar, auch Rumsitzen oder der Muße nachgehen gehören dazu. Manchmal liest Ann-Monika die Yellow Press, und ich denke, ich werde verrückt, wenn sie diese Magazine liest, aber: diese Frau ist zweifellos das Wunder meines Lebens. Ich weiß nicht, ob man einen solchen Menschen oft in seinem Leben treffen kann. Wir wissen ja alle, dass es nicht nur den einen Menschen gibt, mit dem man zusammen leben kann. Aber ich bin dermaßen fixiert auf diese Frau, die Vorstellung, mein Leben ohne sie verbringen zu müssen, ist mir unerträglich – ich werde sentimental, ich muss mich zusammenreißen. Ich kann mich in deine Mutter total einfühlen. Mit den Frauen, mit denen ich vor deiner Mutter zusammen war, erging es mir nicht so. Ich habe diese Frauen nicht wirklich verstanden. Für mich waren es in erster Linie begehrenswerte Menschen, das körperliche hat das seelische dominiert.  Mit deiner Mutter ist etwas anderes dazu gekommen. Das ist toll. Man kann es nicht theoretisch erörtern. Das zwischen uns ist ein Glücksfall – bei all den Schwierigkeiten, die wir hatten und haben. Ich habe keine Angst vorm Tod, aber die Vorstellung, dass deine Mutter vor mir stirbt, und hier in der Wohnung steht alles herum, diese Gegenstände, die mit ihr in Verbindung stehen, aber sie sagt nichts mehr – bei diesem Gedanken könnte in Tränen ausbrechen. Ausgerechnet heute Morgen haben deine Mutter und ich aus irgendeinem Anlass darüber gesprochen, deine Mutter hat mich nicht getröstet und gesagt: »Weine doch nicht so, ich lebe doch noch.« Ich habe geschluckt und still wie ein armseliges Kind vor mich hin geweint. Ich weiß nicht, ob es gut ist, sich so an einem Menschen zu binden. Vielleicht hat es auch etwas egoistisches. Aber das ist es nicht. Die Abwesenheit dieser Frau übersteigt einfach mein Vorstellungsvermögen, von dem ich behaupte, dass es ansonsten ziemlich stark ist.

Ilja Bohnet: Ist die Geheimnislosigkeit zwischen Lebenspartnern ein wichtiges Gebot für eine funktionierende Beziehung? Ist es vielleicht sogar wichtig, ein paar Geheimnisse voneinander zu haben?

Ulrich Pleitgen: Man hat immer Geheimnisse in einer Beziehung voreinander. Bei jedem Menschen gibt es dunkle Ecken. Bei mir selbstverständlich auch, und deshalb möchte ich nicht, dass Ann-Monika alles über mich weiß. Man lebt zwei Leben, eigentlich drei Leben: Das Innenleben, das Leben in der Beziehung und das Außenleben. Es gibt absurde Sehnsüchte und komische Wünsche, die man besser für sich behält. Die totale Offenheit ist der Sache nicht förderlich. Seine schwärzesten Geheimnisse sollte man für sich behalten – wobei die Geheimnisse der meisten Menschen so schwarz dann auch wieder nicht sind, bitte schön. Aber ja, auch in meiner Phantasie gibt es Peinlichkeiten, die ich niemanden eröffnen möchte. Was auch nicht förderlich wäre für eine Partnerschaft, deshalb: wozu? Man sollte sich sagen, was man voneinander will. Das muss das einzige sein. Und man muss fragen, was man dem anderen gutes Tun kann. Oder was man schlecht macht. Aber bloß nicht hinsetzen, und sich stundenlang über die Beziehung unterhalten. Ein ganz wichtiger Punkt: die totale Offenheit ist nicht hilfreich, denke ich. Die Geheimnisse in eine Beziehung nehmen im Laufe der Beziehung ab, sowie das Geheimnisvolle als solches in einer Beziehung abnimmt. Das steckt in der Natur der Sache. Eine ganz bestimmte Art von Faszination lässt nach. Aber dafür kommen andere Dinge hinzu. Ich sehe beispielsweise deine Mutter von der Seite an, ihren Mund, die Nase, die Augen, und sehe sie plötzlich doch irgendwie ganz neu, und sage: »Du siehst so schön aus!« Da antwortet sie: »Bist du verrückt? Ich bin doch eine alte Schachtel.« Na gut, denke ich, kann sie ja von sich behaupten, aber ich muss es nicht denken.

Ilja Bohnet: Eine vielleicht altbackene Frage: was kann man in einer Liebesbeziehung lernen? Hast du im Laufe deiner Beziehungen etwas gelernt?

Ulrich Pleitgen: Ich bin der Überzeugung, dass Respekt der Schlüsselbegriff ist. Aber ich glaube nicht, dass man Beziehung trainieren kann. Man wird nicht in einer Beziehung fit für das Beziehungsleben. Erst mal ist jede Frau anders, auch wenn es heißt: »Kennst du eine Frau, kennst du sie alle.« Ein unseliges Klischee. Ich habe die Frauen, mit denen ich zusammen war, als sehr unterschiedlich empfunden. Und auch das Klischee von den typisch weiblichen Eigenschaften hat sich als unselig und falsch erwiesen. Vorsicht, Vorsicht, kann ich nur sagen. Das glaube ich alles nicht. Aber ich habe eine Erfahrung gemacht. Und diese Erfahrung kann man tatsächlich wiederholen und auch üben: Respekt zu entwickeln. Respektlosigkeit ist der Tod für eine Beziehung, aber auch für die eigene Persönlichkeit. Respekt zu haben heißt aber nicht förmlich auf Distanz zu gehen, irgendeinem Verhaltenskodex entsprechen zu wollen, in einem aseptischen Sinne, das ist hier nicht gemeint. Aber Respekt vor der Person, vor der Würde der Person, das ist essentiell. Man sollte sich hüten, würdelose Dinge mit einem Menschen zu machen. Respekt vor der Persönlichkeit des anderen, das ist wichtig. Und wenn der da ist, dann kannst du auch im Bett alles machen, was beide machen wollen, oder sonst was, das verrückteste Zeug, was doch wunderbar ist, solange du eben den Respekt vor der Persönlichkeit des anderen bewahrst. Respekt, der deutlich macht, dass man den anderen als Persönlichkeit wahrnimmt. Ich habe im Laufe meines Lebens  gelernt, dass man einem Menschen nicht dafür bestrafen darf, dass er einen sehr liebt. Das habe ich deiner Mutter damals schon gesagt, als wir uns kennenlernten. Ich war gerade frisch getrennt von einer Schauspielkollegin, die ich sie so sehr geliebt hatte, dass sie sich zu langweilen begann. Da habe ich mir vorgenommen, jemanden nicht dafür zu bestrafen, dass er mich so sehr liebt, sondern mich auf diese Liebe einzulassen. Denn es ist doch grundsätzlich so, dass sich zwei Menschen in einer Partnerschaft unterschiedlich stark lieben. Erst liebt der eine mehr, dann wieder der andere, das kann sich drehen und wenden. Man liebt sich meistens nicht zur gleichen Zeit gleich intensiv, auch wenn man das gerne möchte, und auch wenn man das immer wieder beschwört. Oft gibt es kleine Differenzen. Jemanden zu bestrafen, weil er liebt, ist katastrophal. Das habe ich wirklich gelernt. Ansonsten habe ich Beziehungen nie theoretisiert. Ein theoretisches Sprechen über Beziehung, ist mir zuwider. Ich kann nicht mit meiner Partnerin über die Beziehung sprechen. Natürlich muss man sich sagen, was man mag oder was schiefläuft, was einen beleidigt oder worüber man erfreut ist. Aber dieser theoretische Ansatz: »Wir müssen jetzt sprechen!«, der langweilt mich.

Ilja Bohnet: Woraus schließt du, dass du Ann-Monika liebst?

Ulrich Pleitgen: Ich bin von ihr abhängig. Ich bin richtiggehend abhängig von ihr. Ich bin, vielleicht muss ich sagen: süchtig. Man kann auch nach Menschen süchtig sein. Nicht nur nach pharmazeutischen Produkten. Man kann auch abhängig und süchtig sein nach Menschen.

Ilja Bohnet: Das klingt ein bisschen wie die Liebe eines Kängurujunges nach dem Beutel des Muttertieres. Da gibt es auch eine starke Abhängigkeit. Ist deine Liebe zu Ann-Monika nicht auch einer gewissen Bequemlichkeit geschuldet?

Ulrich Pleitgen: Nein, das glaube ich nicht, keineswegs. Diese Liebe ist ein ständiger Kampf, das ist sie trotz der Abhängigkeit. Die Beziehung ist nie bequem, überhaupt nicht. Ich bin auch keineswegs ihr Sklave, in keiner Weise. Aber ich bin ihr mit meiner ganzen Kraft hingegeben. Ich weiß nicht genau, wie ich das erklären soll. Ich liebe sie kraftvoll. Trotzdem muss ich sagen, irgendwie bin ich süchtig. Denn wenn sie zwei Stunden aus dem Haus, habe ich Sehnsucht nach ihr. Das ist seit Jahren schon so, ich kann dir nicht erklären, warum, ich kann immer wieder nur sagen, es ist ein Mirakel. Deswegen glaube ich auch, die Liebe ist von großer Vielfältigkeit. Alle Menschen verstehen darunter etwas anderes, weil jede individuelle Liebeserfahrung eine andere, eine ganz neue ist. Sprich deinem besten Freund eine Empfehlung aus, was er bei einem Liebesproblem bitteschön tun soll. Sicher kann man das eine oder andere empfehlen, aber ob man mit dem Ratschlag am Ende richtig liegt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Es gibt bestimmt grundsätzliche Tipps, die man geben kann, die nicht völlig verkehrt sind. Wenn jemand mit der Untreue seines Partners konfrontiert ist, aber für die Beziehung noch eine Chance zu bestehen scheint, dann rät man am besten: »Lass den Partner doch mal hängen! Tu doch einfach mal so, als ob du dich gar nicht mehr interessierst. Mach‘ dich rar.« Das ist sicherlich kein schlechter Ratschlag, besser als moralisch zu reagieren: »Warum hast du mich verlassen!« Es gibt sicherlich gewisse Taktiken, die man diskutieren kann. Solche Tipps kann man geben, aber die Liebe als solche bleibt ein individuelles Erlebnis.

Ilja Bohnet: »Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht von einem zum anderen. Sie gibt dir alles, doch sie nimmt auch viel zu viel, die Liebe ist ein seltsames Spiel …«

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