Outtakes aus Pleitgens Biografie – Über den internationalen Film (2)

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14. Oktober 2018 von ibohnet

Das eine oder andere hat nicht Eingang in Pleitgens Biografie gefunden. Darunter manche Perle, die ich nun im Rahmen dieser Blogbeiträge nachreiche.

Heute: Über den internationalen Film (Teil 2) – das Schöne beruhigt, das Unsymmetrische regt auf

Ilja Bohnet: Wir sprachen über die Skurrilität im englischen und das Fragmenthafte im französischen Film, und dass der US-amerikanischen Film häufig überzeichnet. Schließlich kamen wir zur „Political Correctness“ im Film.

Ulrich Pleitgen: Die gibt es ja in Amerika auch, wie schon der englische Begriff suggeriert, wenn es nicht sogar eine originär amerikanische Verhaltensweise bezeichnet. Und trotzdem zeigen sich die Amerikaner weit weniger respektvoll, was die Mächtigen und Reichen anbetrifft, folgen sie häufig eben nicht politischen Vorgaben. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass Kunst grundsätzlich immer kritisch und nicht staatskonform sein sollte. Andererseits finde ich das amerikanische „Blockbuster“-Kino katastrophal (mal abgesehen davon, dass der Begriff „Blockbuster“ aus dem Zweiten Weltkrieg stammt und eine Bomben charakterisiert, die einen Häuserblock in Deutschland in die Luft sprengen konnte; eine unschöne Vorstellung). Wie auch immer, das große US-amerikanische Kino basiert auf der Verabredung des „Think Pink“, dieser Art des Denkens, das von dem puritanischen Auswanderern der „Mayflower“ aus England in die neue Welt mitgebracht wurde. Man findet es auch im viktorianischen England, beispielsweise bei Jane Austen in Stolz und Vorurteil oder Emma – eine besondere Anstrengung, die mit einer speziellen Art des Denkens verbunden ist.

Ilja Bohnet: Welches internationale Kino liebst Du am meisten?

Ulrich Pleitgen: Am meisten aber liebe ich das französische Kino, das die Geschichten ganz beiläufig erzählt – kleine, halbfertige Geschichten, Liebesgeschichten zum Beispiel: heute eifersüchtig, morgen gar nicht mehr, weil der Protagonist eine andere getroffen hat. Die Durchmischung und Unentschlossenheit der Gefühle in den Liebesgeschichten werden im französischen Kino wunderbar abgebildet. Auch die Widersprüchlichkeit in gesellschaftlichen Dingen wird im französischen Kino sehr selbstironisch aufgegriffen. Das komfortable und saturierte Leben der Linksintellektuellen beispielsweise – das ist ein sehr französisches Thema, das mir unheimlich gut gefällt. Keiner beschreibt das Bürgertum besser als die Franzosen. Glänzend! Die französischen Schauspieler machen das wunderbar.

Ilja Bohnet: Der diskrete Charme der Bourgeoisie.

Ulrich Pleitgen: Zum Beispiel auch dieser Film aus dem Jahr 1972, genau, wobei Luis Buñuel eigentlich ein Spanier ist, egal, es ist zweifellos ein sehr französischer Film, mit französischen Schauspielern in Frankreich gedreht … von einem spanischen Surrealisten. Was mir sehr gut gefällt ist im französischen Film das Unordentliche, das Unordentliche auch in den Beziehungen und Liebesbeziehungen, diese Unordnung in der Gesellschaft, und das Exotische daran: dieses Feiern von „Madame et Monsieur“, dieses ganze „Savoir Vivre“ und „Haute Cuisine“; und dann wieder die größten Schweinereien mit dem Mädchen hinten auf der Treppe – das ist das Bürgertum, und keiner schildert das Bürgertum so radikal entlarvend wie die Franzosen. Und keiner ist so bürgerlich und gleichzeitig antibürgerlich wie die Franzosen. Das ist einfach so. Neben den Deutschen sind mir die Franzosen am liebsten. Dann kommen sofort die Engländer. Die Engländer mit ihrer Spitzigkeit und Rücksichtslosigkeit, vielleicht das, was man den typisch englischen schwarzen Humor nennt.

Ilja Bohnet: Woran denkst du beim sogenannten schwarzen Humor der Briten?

Ulrich Pleitgen: Es gibt englische Serien, beispielsweise Comedy-Serien, die sind so pervers, dass du als Zuschauer geradezu verrückt wirst. Aber mir steht der Sinn danach. Nicht, weil ich pervers bin oder werden will, sondern weil es einfach unglaublich komisch ist, den Engländern bei ihren Spiel zuzusehen. Neulich sah ich einen völlig absurden Film, da ging es um eine alte Frau, die inkontinent ist. Sie pinkelte auf den Boden, während sie mit jemandem sprach. Diese Szene beschrieb nicht eine Grenze, sondern war bereits die Überschreitung derselben. Eine Frau darzustellen, die unentwegt pinkelt, in Mengen, dass man die Feuerwehr rufen muss. Die Alte kommt in eine Bibliothek und begrüßt irgendjemanden mit: »Oh, how are you?« Es folgt etwas Konversation, ihre Gesprächspartnerin wird gewahr, dass die Frau den Boden vollpinkelt: »May I help you?«, fragt sie unsicher, aber die Alte antwortet nur: »No, why?«, während sie unablässig fortfährt, den Fußboden vollzupinkeln. Die andere bekommt ganz nasse Füße. Das ist eine Darstellung der gesellschaftlichen Realität ohne Abstriche, schon irgendwie toll, dieser schwarze Humor, diese Nicht-Rücksichtnahme auf eine politische Korrektheit. Und die englischen Schauspieler sind zweifellos die besten, die man bekommen kann. Sie sind eckig, und in England geht es nicht darum, dass sie schön sind. Erst neulich sah ich einen Kommissar in einem englischen Krimi, der war so unglaublich unattraktiv, dass man zunächst dachte, das kann doch unmöglich der Protagonist des Films sein. Im weiteren Verlauf wurde er aber immer attraktiver, auf eine sehr merkwürdige Weise. Das würde man im amerikanischen Fernsehen oder Kino so ohne weiteres nicht sehen. Einen Typen, der einem Comedy-Film entsteigen könnte, und aus der sich eine unglaublich charismatische Figur entwickelt. Und man hängt als Zuschauer mittendrin und wird der Fan von dieser Figur. Das machen die Tommys. Die bekommen es sogar hin, dass eine ganz durchschnittlich aussehende Frau unglaublich begehrenswert erscheint. Das ist für mich wirklich beeindruckt. Die Engländer interessieren sich für Menschengesichter. Außer, sie orientieren sich an dem US-amerikanischen Publikum. In diesen britisch-US-amerikanischen Co-Produktionen geht es um schöne Menschen. Aber selbst die Amerikaner lernen möglicherweise, dass die schönen Menschen nicht unbedingt die attraktiveren Menschen sind, sondern es die Mischung macht. Ich habe so viele schöne Gesichter in US- amerikanischen Filmen gesehen, die mir rein gar nichts erzählt haben. Gesichter von Models, die so geschnitten sind, als hätte der Herrgott persönlich an ihnen Hand angenommen, drücken nichts aus. Bei einem Gesicht hingegen, dass nicht symmetrisch ist, bei dem die linke Backe etwas anders ist als die Rechte, wenn sich ein solches Gesicht plötzlich dreht, entsteht ein ganz anderer Eindruck, machen Profil und Frontalansicht einen ganz anderen Eindruck. Der Eindruck bei dem Gesicht eines Models hingegen ist immer derselbe – Ideal in jeder Position. Und das bedeutet, es gibt keine Aufregung. Es ist, als würdest du dir eine wunderbar geformte Düne in der Wüste von Namibia anschauen, unglaublich schön, aber man erschöpft sich im Anblick ihrer Schönheit. Kommst du dagegen nach Australien und siehst dieses zerklüftete Gebirge, dann hast du lange zu schauen – um mal ein Bild ins Bild zu übersetzen. Das schöne Gesicht beruhigt, dass unsymmetrische Gesicht regt einen auf, macht interessant.

Ilja Bohnet: Diese Ansicht … beruhigt mich. Worin unterschied sich das russische Schauspiel vom deutschen?

Ulrich Pleitgen: Es gibt dazu sicher viel zu sagen. Wie Du weisst, habe ich kurz nach der Wende einen russischen Kinofilm namens Чокнутые (Tschoknutje) gedreht, zu Deutsch und in diesem Kontext etwa mit Verrückte Kerle zu übersetzen. Für die Dreharbeiten war ich zweieinhalb Monate in Sankt Petersburg und über einen Monat in einem Studio in Moskau. Der Film wurde von Mosfilm, der bekanntesten russischen Filmgesellschaft, produziert, und war so erfolgreich, dass ich für etwa ein halbes Jahr dort regelrecht zu einem Star avancierte. Die Filmproduktion war für mich als westdeutscher Schauspieler in der Sowjetunion kurz vor Auflösung der Sowjet-Union absolut abenteuerlich. Ich habe am laufenden Band verrückte Geschichten in diesem russischen Schicksalsjahr 1991 erlebt. Was das Filmische anbetrifft, würde ich behaupten wollen, dass die Schauspieler der Sowjetunion, und in gewisser Weise gilt dies auch für die der DDR, die hervorragend waren und einen ebenso guten Ruf besaßen, nicht wirklich grundsätzlich besser waren als ihre westdeutschen bzw. westlichen Kollegen. Die Auswahlprozesse, Schaupieler zu werden, waren im Ostblock sicherlich rigoroser. Aber die hohe Qualität der Produktionen von Mosfilm oder der DEFA erklären sich auch zum Teil ganz einfach, es gab auch ganz praktische Unterschiede. Die Produktionen mussten weit weniger kommerziellen Kategorien folgen wie im Westen. Die Drehzeiten in Westdeutschland waren beispielsweise beträchtlich kürzer, auch die Probezeiten am Theater, allein dadurch konnten sie einfach in vielerlei Hinsicht sehr viel sorgfältiger arbeiten als im Westen. Der Kinofilm in Russland wurde über eine Drehzeit von dreieinhalb Monaten gedreht. Den hätten wir in West-Deutschland innerhalb von sechs Wochen gemacht. Das kann sich selbstverständlich auch auf die Qualität eines Filmes auswirken.

(Fortsetzung folgt!)

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