Outtakes aus Pleitgens Biografie – Über die Schauspielerei (3)

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8. Oktober 2018 von ibohnet

Das eine oder andere hat nicht Eingang in Pleitgens Biografie gefunden. Darunter manche Perle, die ich nun im Rahmen dieser Blogbeiträge nachreiche.

Heute: Über die Schauspielerei (Teil 3) – Über Bösewichte und Exhibitonisten

 

Ulrich Pleitgen: Ich bin einfach kein Bösewicht. Ich sage auch nicht, dass die Bösewichte in Filmen oder Theaterstücken die interessanteren Figuren sind. Grundsätzlich gilt: Alle Figuren sind interessant. Was denkst du, wie schwer es ist, einen vermeintlich durchschnittlichen Menschen zu spielen. Das ist möglicherweise schwerer als die Darstellung des Kommissars, der in wilder Verfolgungsjagd den Ganoven hinterherrennt. Einen „normalen Mann“ in einer Fernsehserie zu spielen, der über viele Folgen die Zuschauer interessiert und mitreißt, das ist nicht trivial. Sogar der Apotheker Johannes Kleist in der Fernsehserie „Familie Dr. Kleist“ hat das Interesse der Leute über viele Folgen wachhalten können.

Ilja Bohnet: Woran hat das gelegen?

Ulrich Pleitgen: Vielleicht an der Vielschichtigkeit, die ich dieser Figur geben konnte. Johannes Kleist, der Onkel des Protagonisten, war nicht einfach nur die gute Seele der Serie, er hatte auch Ecken und Kanten. Diese Figur hatte allerdings mit mir weniger zu tun, als man denken könnte. Auch der Alte in „Immer Ärger mit Opa Charly“ (es fällt mir nach wie vor schwer, den Titel auszusprechen): Ich muss sagen, da steht ein vollkommen anderer Mann vor dir, wenn du den Film siehst, ein wildfremder Mensch, den du nicht kennst. Meine Herangehensweise an Figuren wie Johannes Kleist oder Opa Charly ist, vollkommen einzusteigen in die Rollen und mich selbst dabei total zu vergessen. Das geht bis zur Motorik. Ich bewege mich als Opa Charly anders, ich pendle mit den Armen, die Außenwirkung ist ungewöhnlich, und plötzlich ist da ein unorthodoxer, unordentlicher Mann, der ganz komische Sprüche macht.

Ilja Bohnet: In der Kritik zu dem Film steht: »Das Glanzlicht des schnuckeligen Land- Lust-Wohlfühlfilms ist Ulrich Pleitgen als liebenswerter Narr, fast schon in Shakespeare’schen Sinne.«

Ulrich Pleitgen: In der Bezeichnung des „schnuckeligen Land-Lust-Wohlfühlfilms“ steckt auch berechtigte Kritik, die aber interessanterweise nicht mit meiner Figur in Verbindung gebracht wird. Ich neige zur Selbstironie, das mache ich instinktiv. Wenn ich mit dir rede und einen Moment lang ernst werde, muss ich mich im nächsten Moment hochnehmen. Das ist keine Technik von mir, keine Koketterie, sondern das drückt einen Urzweifel aus, den ich in mir trage. Mit Blick auf mich selbst. Ich zweifle an mir. Deshalb folgt auf eine vordergründig ernstzunehmende Bemerkung stets etwas Selbstironisches. Das ist meine Art, der ich mir durchaus bewusst bin, nicht, weil ich so viel über mich nachdenke, sondern weil es mir im Laufe der Zeit aufgefallen ist. Auf jeden Fall siehst du in dem Film „Immer Ärger mit Opa Charly“ nicht mich, sondern einen dir unbekannten Menschen, von der körperlichen Hülle abgesehen, die du kennst. Aber mein Körper verhält sich anders, unvertraut. Ich vertrete die Ansicht, dass man eine Figur nur begriffen hat, wenn sie auch der Körper begriffen hat, erst dann spreche ich wie die Figur.

Ilja Bohnet: Wie gehst Du an die Rolle heran?

Ulrich Pleitgen: Ich denke mir aber nie etwas aus. Ich orientiere mich in meiner Vorstudie zu der Figur an ein paar Eckdaten. Ich muss wissen, wie der soziale Hintergrund der Figur aussieht, woher die Figur kommt. Ist sie intelligent und gebildet. Ich benötige die Eckdaten eines Figurenprofils. Alles andere entscheidet sich in dem Moment, wenn gedreht wird beziehungsweise bei der Probe im Theater. Wobei die Theaterarbeit vielmehr Detailplanung enthält, wie sprachen darüber bereits. Der Theaterregisseur hat größeren Einfluss auf den Schauspieler als der Film- und Fernseh-Regisseur, dem aufgrund des hohen Arbeitstempos schlicht weniger Zeit bleibt, um Mikromanagement zu betreiben. Der Filmregisseur kann auf den Schauspieler nicht in der gleichen Weise auf den Schauspieler zugreifen, er hat gewöhnlich wenige Drehtage, da muss es Schlag auf Schlag gehen. Ein Schauspieler, der beim Filmdreh nicht sofort mit Ideen kommt, bringt den Regisseur in die Bredouille. Für viel Schauspielregie hat der Filmregisseur keine Zeit. Der Filmschauspieler muss die Figur kennen, wissen, wie sie funktioniert. Deshalb ist für mich die Filmschauspielerei das Ideal, hat mich das Drehen sehr viel mehr beeindruckt, als Theater und die Theaterarbeit. Dieses »Jetzt oder nie!« ist für mich ein unglaublich reizvoller Anlass, mich diesem komischen Kampf zu stellen.

Ilja Bohnet: Welches Verhältnis hat das Publikum zu dem Schauspieler, welche Sympathie bringt es ihm entgegen und inwiefern basiert das auf einem Missverständnis?

Ulrich Pleitgen: Die Fernsehzuschauer kennen mich selbstverständlich privat gar nicht. Wenn ich Menschen begegne, die mich als Schauspieler erkennen, dann passiert es mir häufig, dass sie mir private und intime Dinge erzählen. Das ist ein Phänomen, von dem viele Schauspieler berichten, und zwar immer diejenigen von uns Schauspielern, die Sympathieträger sind. Einem Darsteller, der typischerweise in seinem Portfolio Bösewichte darstellt, erlebt diese Art der Vertrautheit nicht, so jemandem erzählt niemand etwas.

Ilja Bohnet: Unter Schauspielkollegen gelten die „Sympathieträger“ privat häufig als eher unangenehm und kompliziert, die Darsteller von Bösewichten hingegen als humorvoll, kollegial und sympathisch.

Ulrich Pleitgen: Das ist so. Du spielst als Schauspieler häufig das Gegenteil dessen, was du bist. Ich bin kein von Grund auf sympathischer Mensch, das ist ein Missverständnis, dem die Zuschauer erliegen. Auf keinen Fall bin ich so sympathisch, wie ich in vielen meiner Filme erscheine, und bin auch längst nicht so unkompliziert. Zuweilen bin ich sogar getragen von echtem Menschenhass, dann begegne ich unvermittelt Menschen, die sich mir anvertrauen und sagen: »Ach, wir lieben sie so sehr! Und die Oma liebt Sie auch, und auch die Tochter. Wir alle lieben Sie!« Und ich denke dann, oh mein Gott. Aber grundsätzlich geht das schon in Ordnung. Es ist halt ein Missverständnis, dem die Menschen erliegen, richtig. Ich habe diese Liebe in Wirklichkeit nicht verdient. Mario Adorf beispielsweise hat in seiner schauspielerischen Jugendzeit häufig Bösewichte gemimt. Die Menschen auf der Straße reagierten auf ihn verhalten oder geradezu abweisend. Er hat, wie er selber sagte, in dieser Zeit sehr darunter gelitten, dass die Menschen so auf ihn reagierten, obwohl er doch unter Bekannten als gutmütiger, lieber Mensch galt und gilt. Inzwischen hat sich sein schauspielerisches Portfolio auch in die Richtung der Sympathieträger weiterentwickelt, sodass er mit der Reaktion der Menschen auf der Straße kein Problem mehr haben dürfte, aber es hat schon etwas Absurdes. Das ist auch ein Grund, warum Schauspieler häufig unympathische Rollen ablehnen, weil sie befürchten, dass sie durch die Darstellung einer unsympathischen Figur stigmatisiert werden, die Menschen auf der Straße sich mit ihnen nicht mehr identifizieren können, sie auf diese negative Figuren festgelegt bleiben.

Ilja Bohnet: Wie reagierst du auf Menschen, die dich als Sympathieträger missverstehen?

Ulrich Pleitgen: Ich bestätige Ihnen, dass Sie Recht haben mit ihrem Sympathieanfall, ihrem Glauben, dass ich ein guter Mensch bin. Ich zeige mich als guter Mensch, obwohl ich aus einer zersplitterten Familie wie der aus der Kleist-Serie stamme. Dass ich stets konstruktiv vermittle unter Angehörigen und die Familie zusammenhalte. Mit anderen Worten, ich spiegle die Erwartung der Menschen, die sie aufgrund der Fernsehfigur von mir haben – dieses Ideal eines menschlichen Wesens oder eines Charakters. Natürlich nicht die Erwartung in äußerlicher Hinsicht, dafür sind andere da. Wie auch immer, ich düpiere die Leute auf der Straße nicht. Ich habe noch nie zu jemandem gesagt, dass er mich in Frieden lassen möge, es sei denn, es ist jemand aufdringlich geworden und hat mich angefasst, denn Anfassen mag ich nicht. Aber die Begegnungen auf der Straße haben bisweilen auch etwas Bizarres. Die Leute kommen mit einem erstaunlichen Sachverstand und erklären mir, warum ich meine Rolle gut gespielt habe. Ich kann davon häufig lernen. Mit schlechten Kritiken halten sich die Fremden in der Regel zurück. Sie mögen dich zwar schlecht finden in dieser oder jener Rolle, aber sie kommen in der Regel nicht damit zu dir.

Ilja Bohnet: Was macht einen guten Schauspieler für dich aus, was einen schlechten?

Ulrich Pleitgen: Gut und schlecht sind für mich keine Kategorien. Es gibt Schauspieler, die sind so schlecht und deshalb im Grunde genommen keine Schauspieler. Aber ein guter Schauspieler kann gut sein in der einen Produktion, und schlecht in der anderen. Das kann passieren. Das ist aber alles egal, wichtig ist, richtig zu sein, authentisch zu sein. Man muss auch den Mut haben zur Hässlichkeit. Das gehört manchmal auch dazu. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich in dem Film „Immer Ärger mit Opa Charly“ ausgesehen habe: Die Haare armselig zurückgekämmt, buschige, ungepflegte Koteletten. Ich ziehe mich in dem Film auch aus, und plötzlich sieht man meinen nackten, schlaff herunter hängenden Bauch. Das ist schon so, dass man hier als Mensch sehr viel von sich preisgibt.

Ilja Bohnet: Wie weit würdest du bei der persönlichen „Preisgabe“ gehen?

Ulrich Pleitgen: Wir Schauspieler sind einer großen Gefahr ausgesetzt: Wenn uns ein Regisseur erklärt, dass es künstlerisch von größter Bedeutung ist, dass wir auf der Bühne – übertrieben gesprochen – uns exhibitionieren sollen, dann tun wir das. Nein, Scherz beiseite, aber ein bisschen ist es so. Man ist als Schauspieler bereit, relativ weit zu gehen, weil das alles unter diesem Kunstbegriff läuft. Für die Kunst würden Schauspieler ganz viel tun. Wenn es die Kunst verlangt, schneidet man sich eben auch eine Kerbe ins Knie. Schauspieler sind sehr anfällig, wenn jemand zu ihnen kommt und mit der Kunst argumentiert: »Es ist für die Kunst, für die gute Sache.«

Ilja Bohnet: Wo sind Deine Grenzen?

Ulrich Pleitgen: Es gibt eine klare Grenze des Exhibitionismus. Ich erinnere mich an einen Schauspieler, den ich bis dato sehr geschätzt hatte, ein zauberhafter Mann, hochintelligent, ein wahrer Charakterdarsteller, ich mochte ihn immer sehr gerne. Und dieser von mir sehr geschätzte und inzwischen verstorbene Schauspieler, der nahm in einem Spielfilm sein Gebiss aus dem Mund … und tat es dann wieder rein. Das war … es tut mir leid, ich war geschockt, und ich sehe ihn jetzt bei filmischen Begegnungen nur noch mit dem Gebiss in der Hand. Diese Art von Exhibitionismus ist gefährlich. Ich jedenfalls will die Menschen mit meinem Äußeren nicht schockieren- und könnte es ja auch gar nicht. (Lacht!)

(Fortsetzung folgt!)

 

 

 

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