Outtakes aus Pleitgens Biografie – Kunst und Politik (2)

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7. Oktober 2018 von ibohnet

Das eine oder andere hat nicht Eingang in Pleitgens Biografie gefunden. Darunter manche Perle, die ich nun im Rahmen dieser Blogbeiträge nachreiche.

Heute: Kunst und Politik (Teil 2) – Die Tage der Commune, Edgar Allan Poe und Goethe, Moral und politische Korrektheit

Ilja Bohnet: Zweifellos waren „Die Tage der Commune“ ein Ereignis von weitreichender, zeitgeschichtlicher Bedeutung. »Zum ersten Mal ging es um Dinge«, wie der Historiker Sebastian Haffner feststellte, »um die heute in aller Welt gerungen wird: Demokratie oder Diktatur, Rätesystem oder Parlamentarismus, Sozialismus oder Wohlfahrtskapitalismus, Säkularisierung, Volksbewaffnung, sogar Frauenemanzipation – alles das stand in diesen Tagen plötzlich auf der Tagesordnung.« Haffner nennt den Aufstand der Kommunarden einen Kulminationspunkt der Moderne. Trotzdem läuft man Gefahr, diese Dinge in der Rückbetrachtung zu verklären, oder nicht? Der Philosoph Rüdiger Safranski sagt: »Das Romantische gehört zu einer lebendigen Kultur, romantische Politik aber ist gefährlich. Für die Romantik, die eine Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln ist, gilt dasselbe wie für die Religion: Sie muss der Versuchung widerstehen, nach der politischen Macht zu greifen. Phantasie an die Macht! – das war wohl doch keine so gute Idee.«

Ulrich Pleitgen: Mag sein, aber man braucht diese Art der Verklärung als junger Mensch. Man braucht, wenn man glaubt, Geschichte verändern zu können, diese Heiligsprechung bestimmter Ereignisse und Vorgänge: Ob die Pariser Kommune, die Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg mit Dolores Ibárruris Parole „¡No pasarán!“, die Unidad Popular Chiles, der Prager Frühling oder die deutsche Friedensbewegung mit den Grünen an der Spitze, du musst als junger Mensch Dinge verklären, hervorheben und glorifizieren. Das geht gar nicht anders. Das sind notwendige Leitplanken, an denen Du Dich orientierst. Aber mein Theaterspielen spielte sich parallel zu diesen politischen Identifikationen ab. Nicht davon unberührt, aber nicht davon gelenkt. Das behaupte ich einfach. Denn Theater war ein Bereich für sich und war nicht dafür bestimmt, die Welt zu verändern. Dass dies nicht wirklich geht, war doch den meisten von uns klar. Wenn es gegangen wäre, wäre es schön gewesen. Ich war mir jedenfalls stets bewusst, dass Theater gar nichts bewegt. Außer ein paar Menschen für zwei, drei, Stunden oder meinetwegen ein bisschen länger in einen besonderen Zustand zu versetzen, ihnen frische Luft durch den Kopf zu pusten und sie für einen Moment mit einer völlig fremden Idee zu konfrontieren. Mir war völlig klar, wenn die Zuschauer aus dem Theater kommen, ist alles fast schon wieder vorbei. Aber letzten Endes haben diese ganzen Identifikationsgeschichten, von denen ich eben sprach, die Pariser Kommune und so weiter, haben sich diese politischen Ereignisse als eine einzige Misserfolgsgeschichte meiner Hoffnung erwiesen. Denn aus alldem ist ja nichts geworden. Alle diese Revolutionen sind gescheitert. Allerdings kann man auch sagen, leuchtet man in die einzelnen Ereignisse aus, sieht man zumeist eine unheilvolle Allianz aus Reaktion und Kapital. Das US-amerikanische Interesse beispielsweise an den chilenischen Kupferminen, weshalb sie in den 1970er-Jahren die Unidad Popular bekämpften.

Ilja Bohnet: Die Unidad Popular war ein Wahlbündnis, das Ende der 1960er Jahre aus der soziale Bewegung Chiles hervorgegangen ist, angeführt von Salvador Allende, niedergeschlagen von dem Diktator Augusto Pinochet.

Ulrich Pleitgen: Richtig, und Allende war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in dieser Bewegung, kein Kommunist. Aber die US-Amerikaner misstrauten ihm und beteiligten sich deshalb maßgeblich an dem Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung unter seiner Führung. Der Prager Frühling, der ein Versuch der Einführung eines sanften Sozialismus darstellte, wurde von der sowjetischen Seite niedergeschlagen. Salvador Allende, Alexander Dubček, das waren eindrucksvolle Menschen, die etwas humanes bewegen wollten. Ich habe damals in den 1970er Jahren zu Freunden gesagt, die auf die DDR schimpften, und das nicht zu Unrecht, wie wir heute wissen: »Wartet es mal ab: die lernen die Demokratie in den Betrieben, irgendwann liberalisieren die sich. Und dann wollen wir mal sehen, was Demokratie ist.« Die lernen Demokratie, davon war ich fest überzeugt. Ein großer Irrtum eines Menschen, der nie richtig in der DDR leben musste, bestenfalls manchmal im Osten Berlins Theater spielte.

Ilja Bohnet: Der Traum vom „offenen, demokratischen Sozialismus“ – aber weder stand, wie der Kulturhistoriker Hermann W. von der Dunk befindet, »hinter diesem Ideal eine bedeutende historische Tradition noch ein System mit gesundem wirtschaftlichem Fundament oder eine gut organisierte Anhängerschaft.«

Ulrich Pleitgen: In der Rückbetrachtung lässt sich das vielleicht erkennen, in den 1970er Jahren aber sind wir diesen Fehleinschätzungen erlegen, und ja, wir haben auch von diesen Irrtümern gelebt. Ich war fest von der Möglichkeit eines „offenen, demokratischen Sozialismus“ überzeugt, es war wie eine Art Kraftstoff, den man tankte. Ich meine, dieses vollkommen unschuldige „Für eine bessere Welt“-Sein. Ein unheimlich schönes Gefühl, dass man sich selber natürlich auch von Herzen gönnte. Ein schönes Gefühl, für eine bessere Welt zu sein, aber nichts dafür tun, geschweige denn dafür töten zu müssen. »Erschießt die Bösen!« Das ist witzlos. Man kann die Bösen nicht erschießen. Denn wer ist gut, wer ist böse? Außerdem macht man sich die Finger dabei schmutzig und wird bloß selber böse. »Wo gehobelt wird, fallen Späne!« Ein übler Spruch. Das Problem bei jeder Revolution ist doch, dass die Revolutionäre genauso blutige Finger kriegen, wie die Herrscher und ihre Schergen, die sie bekämpfen. Das ist die Krux. Deshalb kann ich nicht sagen, an welche Fahne ich noch glaube. Aber ich bin dankbar, dass ich mal ein Bild von der Welt zu haben glaubte, das mir erlaubt hat, gegen die Ungerechtigkeit darin aufzubegehren. Ich bin jetzt froh darüber, dass ich davon weg bin, dass ich inzwischen versuche, die Dinge differenzierter zu sehen und mein Verwirrtsein über die Nicht-Lösbarkeit bestimmte Dinge – sozusagen auf Zeit – zu akzeptieren. Bis sich mal, das ist die alte Hoffnung, die da in mir wieder hochkommt, eine neue, historische Möglichkeit ergibt, eine bessere Welt zu erschaffen.

Ilja Bohnet: Leben wir in einer Zeit des Übergangs? Wer lieftert Hinweise, wie sich die Welt verändern wird? Gibt es Künstler, die ein Gefühl für die zukünftige Entwicklung haben?

Ulrich Pleitgen: Eine gute Frage. Ich weiß nicht, wer heute die Vorhersagekraft eines Edgar Allan Poe besitzt, der die gewaltigen Veränderungen der Gesellschaft im 19. Jahrhundert förmlich erspürt hat. Dieses erahnen dessen, was die industrielle Revolution für eine gewaltige Dynamik, eine globale Dynamik zudem, erzeugen würde. Dieses: Höher, Schneller, Weiter. Jemand wie Edgar Allan Poe hat den Zeitgeist zu analysieren vermocht wie kein anderer, und die dramatischen, gewaltigen Entwicklungen vorhergesehen. Dieser großartige Autor beschreibt uns die gesellschaftliche Entwicklung als rasante Talfahrt, als säßen wir in einem Viererbob und führen durch einen Eiskanal, dessen Kurvenverlauf wir nicht vorhersagen können. Wir werden hin und her geschleudert, irgendjemand hat diesen Eiskanal konstruiert, aber wir wissen nicht, wie uns geschieht, wohin wir fahren. Wir sind ausgeliefert. Und das hat Edgar Allan Poe ganz deutlich empfunden, dieses Ausgeliefertsein des menschlichen Schicksals in den Wirren der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts.

Ilja Bohnet: Gibt es noch andere Künstler, die dich in ihrer politischen Reflexion besonders interessieren?

Ulrich Pleitgen: Ich denke an Goethe. Der entspricht mir im hohen Maße. Ich meine nicht das Genie Goethes. Sondern seine Fehlbarkeit. Dieses Gewackel mit Napoleon. Das ist zum Beispiel etwas hochinteressantes, Goethes Bewunderung und Hass beziehungsweise Verachtung für Napoleon, das hat er wild durcheinandergemixt, auch ganz bewusst, damit nicht so auffiel, dass er eigentlich viel für Napoleon übrig hatte. Goethe war schon ein gerissener Schurke. Aber irgendwie gefällt mir, wie von Angst geschüttelt und von Mut durchtrieben er war. Und so kenntnisreich und neugierig. Ein Mensch, mit dem man keine Kriege machen konnte, nein, ein großer Krieger wäre in nie geworden. Von anständiger Art und Weise feige. Wenngleich er auch Kriege zugelassen hat und Zeitzeuge war, wie  Kriege vorbereitet wurden. Zum Beispiel hat er wohl mitbekommen, wie seine Landsleute mit der Peitsche für den britischen Krieg in Nordamerika rekrutiert wurden. Und er hat Musik spielen lassen, damit er nicht hören musste, wie sie durchgeprügelt wurden. Aber diese Briefe, die Goethe mit einer seiner letzten Freundinnen wechselte, Marianne, eine Frankfurterin, verschlüsselte Liebesgeschichte, die da zwischen ihnen hin und her gingen. Diese Art Briefe zu schreiben, dieses unglaublich genaue Eingehen auf die Seelenzustände der Menschen. Unglaublich, das ist heute gar nicht mehr leistbar, das ist nicht reproduzierbar. Ich bedaure das nicht, weil man ja diese Sprache nicht einfach wieder einführen kann. Aber es ist ein solcher Genuss, diese Briefe aus jener Zeit zu lesen, und zu sehen, in welch hohem Maße sich Menschen über ihren Zustand bewusst waren. Es gab regelrecht eine Lust, gegensätzliche Argumente auszutauschen und nebeneinander stehenzulassen. Was für eine moderne Haltung! Die Rechthaberei heutzutage erscheint mir dagegen vollkommen vorgestrig.

Ilja Bohnet: Waren die Menschen zu Goethes Zeiten moralischer als heute?

Ulrich Pleitgen: Zunächst einmal: Moralisch zu sein ist ja im Grunde genommen nichts Schlechtes. Früher konnten die Menschen vor Moral gar nicht laufen. Heute aber haftet dem moralisch sein etwas lächerliches an. Es wirkt immer gleich moralinsauer. Von Moral an sich halten viele Leute heutzutage gar nichts mehr. Nicht, dass sie nicht moralisch wären, aber niemand will moralisch wirken, weil es lächerlich und kleinlich erscheint. Vielleicht ist das unser Problem.

Ilja Bohnet: Ein interessanter Aspekt, denn ich empfinde unsere Zeit als extrem moralisch.

Ulrich Pleitgen: Unsere Gesellschaft ist vielleicht weniger moralisch als zu Goethes Zeiten, dafür aber in den Rahmen einer politischen Korrektheit gezwängt. Doch das ist eine Form moralischen Missbrauchs. Der moralische Missbrauch ist Kennzeichnung der politischen Korrektheit. Hier wird Moral und moralisches Reden eingesetzt, um Partikularinteressen zu verfolgen. Moral wird demonstriert, um sich selbst zu preisen. Nach dem Motto: Schaut her, ich bin auf der richtigen Seite, ich gehöre zu den Guten. Politische Korrektheit entspringt einer apodiktischen Haltung, geknüpft an eine Moralvorstellung mit dem Anspruch der Alternativlosigkeit.

Ilja bohnet: „Alternativlos“ war Unwort des Jahres 2011. Das Wort ersticke den politischen Diskurs, hieß es.

Ulrich Pleitgen: Zweifellos das Unwort der letzten zehn Jahre. Darin drückt sich nicht nur eine apodiktische Haltung aus, sondern auch ein großer Mangel an Fantasie. Und interessant – ein Begriff, den es meines Erachtens früher gar nicht gegeben hat. Mit der politischen Korrektheit wird einfach die individuelle Haltung übertüncht. Politische Korrektheit ist lediglich ein Format. Politische Korrektheit kann trainiert, anerzogen werden. Politische Korrektheit ist eine Art des sich diplomatisch Ausdrückens. Die politische Grenze ist aber nicht moralisch begründet. Sie kommt nicht von Herzen. Die politische Korrektheit ist ein Schutzmantel beziehungsweise ein Korsett. Achtung, hört, ich bin politisch korrekt! Deshalb ziehe ich intuitiv die politische Unkorrektheit vor, weil viele dieser Leute, die das Format der politischen Korrektheit verwenden, im Grunde politisch nicht korrekt sind. Und umgekehrt, viele Menschen, die sich bewusst politisch unkorrekt artikulieren, agieren im Grunde durchaus politisch begründet. Die politische Unkorrektheit ist Grenzüberschreitung, die ich aber in den meisten Fällen ganz gut vertrage. Viele Kabarettisten agieren bewusst politisch unkorrekt. Die politische Korrektheit ist nur ein Format, kein echter Inhalt. Wo sich Toleranz und Moral treffen, da fühle ich mich zu Hause. Aber Moral und Intoleranz ist eine Katastrophe.

(Fortsetzung folgt)

 

 

 

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