Outtakes aus Pleitgens Biografie – Über die Schauspielerei (2.2)

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30. September 2018 von ibohnet

Das eine oder andere hat nicht Eingang in Pleitgens Biografie gefunden. Darunter manche Perle, die ich nun im Rahmen dieser Blogbeiträge nachreiche.

Heute: Über die Schauspielerei (Teil 2.2) – Leidenschaft, Schauspielertypen und von der Innovation im Film

Ilja Bohnet: Noch mal zurück zu den Schauspielertypen. Welchen spielst du am liebsten, hast du Präferenzen?

Ulrich Pleitgen: Ich wäre nie Schauspieler geworden, wenn die Prämisse gewesen wäre, immer den gleichen Rollentyp, immer die gleiche Figur darzustellen. Niemals. Obwohl ich lange Zeit den sympathischen, manchmal ironischen, manchmal auch hilflosen Mann gespielt habe, in verschiedenen Rollen und Ausprägungen. Aber ich habe auch immer wieder sehr brutale Figuren gespielt. Dennoch hat der sympathische Rollentypus in meinem Portfolio dominiert. Deshalb sprechen mich die Leute auf der Straße auch unbefangen an. Bis zum heutigen Tag. Auf verschiedene Sachen und Angelegenheiten. Aber immer wieder aus dem Missverständnis heraus, ich sei doch dieser sympathische, ihnen gutbekannte Mann aus dem Fernsehen. Bei „Dr. Kleist“ ist mir das dann um die Ohren geflogen.

Ilja Bohnet: Worin besteht die Gefahr?

Ulrich Pleitgen: Dass man am Ende mit einer ganz bestimmten Rolle in Verbindung gesetzt und dadurch auf dieses Rollenbild festgelegt wird. Hoffentlich bleiben noch andere Eindrücke meines schauspielerischen Portfolios bei den Leuten hängen. Der „Stammheim“-Film ist hängengeblieben, da bin ich mir sicher. Weil die Figur, die ich in diesem Film spielte, die des vorsitzenden Richters Prenzing, der den Prozess gegen die Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof und die anderen leitete, eine tragende Rolle in diesem Film gespielt hat. Diese Figur hat den Film zweifellos sehr dominiert, sie war sehr besonders. Und irgendwie ist dieser Eindruck bei vielen Menschen, die den Film gesehen haben, erhalten geblieben. Und hoffentlich noch das eine oder andere meiner schauspielerischen Vita. Aber manchmal kommt man eben nicht umhin, das deutsche Unterhaltungsfernsehen zu bedienen.Und das macht ja mitunter auch Spaß. Doch jetzt habe ich einen Schnitt gemacht. Seit anderthalb Jahren sage ich alle Rollenangebote aus dem einfachen Unterhaltungsbereich ab. Vielleicht kommen wir zu einem späteren Zeitpunkt dazu, die Höhen und Tiefen meines filmischen Schaffens auszuleuchten und zu besprechen.

Ilja Bohnet: Sicher, an dieser Stelle möchte ich aber festhalten, dass deine Filmographie zweifelsohne beeindruckend ist.

Ulrich Pleitgen: Wenn ich sie betrachte, habe ich den Eindruck, dass in der Tat einige der darin aufgelisteten Filme nicht funktioniert haben. Aber meine Rollen, und das sage ich nicht nur aus Eitelkeit, sondern ganz nüchtern betrachtet, meine Rollen haben in der Regel immer funktioniert. Auch in den mittelmäßigen Unterhaltungsfilmen. Selbst die Figur des Apothekers Johannes in der Serie „Familie Dr. Kleist“ hat funktioniert. Die Figur war nicht etwa deshalb so beliebt, weil ich einen so lieben, netten Kerl mimte. Nein, sondern weil Johannes war, wie soll ich sagen: echt, zuverlässig und anständig. Ich fürchte, vieles von dem, was ich gemacht habe, ist vergänglich.

Ilja Bohnet: Dies gilt für alle Arten von künstlerischen Produktionen, für alle kreativen Tätigkeiten. Von Marcel Reich-Ranicki soll es den Ausspruch geben, dass die Vergänglichkeit von Kunstproduktionen notwendig ist, um Platz für neues zu
schaffen.

Ulrich Pleitgen: Wolfgang Staudte, einer der größten deutschen Filmemacher in der Mitte des 20. Jahrhundert, hat zwei Filme, die übrig geblieben sind: „Der Blaue Engel“ und „Die Mörder sind unter uns“. Ein Trauerspiel. Oder es bleibt noch weniger. Vom Künstler ganz unverschuldet. Nehmen wir Andrei Tarkowski zum Beispiel, den russischen Filmemacher der 1960er und 1970er Jahre. Von Tarkowski spricht kein Mensch mehr. Erst neulich sprach ich mit zwei jungen Kolleginnen, und beide kannten Tarkowski nicht. Ich habe ihnen gesagt, sie müssten sich sämtliche Filme von ihm anschauen. Er sei nach wie vor Avantgarde.

Ilja Bohnet: Es gibt vielleicht zwei Probleme in dem Zusammenhang: Die Fernsehanstalten zeigen inzwischen nur noch selten Filme aus der Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit. Zweitens hat die Anzahl an Filmproduktionen derart zugenommen, was wiederum auch an der Anzahl beteiligter Fernsehanstalten liegt, am Privatfernsehen und so weiter, vom DVD-Angebot ganz zu schweigen, dass man im Meer der Produktionen untergeht.

Ulrich Pleitgen: Stimmt, das Programmangebot hat dramatisch zugenommen, es macht keinen Spaß mehr, eine Fernsehzeitung zu lesen. Und die jüngere Generation beschäftigt sich mit der erstgenannten Kategorie kaum oder wenig.

Ilja Bohnet: Um Walter Benjamin zu zitieren: »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.«

Ulrich Pleitgen: Dementsprechend herausfordernd ist es, aus dem Wust von Film- und Fernsehproduktionen herauszustechen. Selbst millionenschwere Produktionen haben es schwer. Man guckt sie sich an und denkt, was war das denn für ein Schrott?! Trotz guter Schauspieler ist es nichts gewesen. Deshalb beschreiten viele Produzenten mehr und mehr den Weg in die Krassheit, in die brutale Überzeichnung. Statt einen neuen Blick auf die Welt zu werfen oder eine neue Bildsprache zu finden, überzeichnen sie einfach. Die Vorgänge werden krass und grell überzeichnet. Nicht mehr taktvoll, sondern brutal. Die norwegischen und schwedischen Filme zeigen das eindrucksvoll. Brüsk. Sie haben keine ästhetischen Ideen, bieten keine neue Form von Kameraführung oder dergleichen, keine neue Idee außer der Wackel-Kamera, die lebt, aber der Schauspieler nicht mehr. Dann diese vielen, kurzen Schnitte. Wie Stroboskoplicht. Ein sehr durchschaubarer Trick, und leider inflationär verwendet. Es wird rumgewackelt und wie verrückt geschnitten.
Tatsächlich bildete die Krimiserie „K3“ ein Ausgangspunkt für diese Wackel- Kamera. Wir haben damals – Anfang des neuen Jahrhunderts – damit angefangen. Damals war das noch neu. Und es war auch gut. Und dann hat der Kameramann diese Technik wieder aufgegeben. Kurze Momente des Wackelns, das genügte. Kein Parkinson-Syndrom, wie es viele Filme inzwischen zu haben scheinen. Die Serie „K3“ hat seinerzeit den Grimme-Preis erhalten. Ich fand die Filme dieser Serie auch gut, weil sie sehr zart waren. Die haben einem ja nicht das zerschossene Gehirn ins Fernsehzimmer geschmissen. So wie es die Norweger ständig machen. Diese Dunkelheit, diese psychedelische Szenerie und Atmosphäre. Hinter jedem Baum lauert die Angst, der Tod. Das ist natürlich keine neue Ästhetik, sondern bloß die Ästhetik des Grauens. Wie ein etwas reduzierte Splatter-Movie.

Ilja Bohnet: Ich finde die Frage der Bedeutung von Innovation für die Kunst sehr spannend. Ich habe die These, dass technische Innovationen künstlerische Ideen beflügeln.

Ulrich Pleitgen: Das glaube ich auch. Zumindest was einzelne Meilensteine anbetrifft. Der Stummfilm hatte als Ausdrucksform eine sehr extrovertierte Mimik und Gestik hervorgebracht. Was blieb ihm auch anderes übrig. Der Tonfilm eröffnete eine ganz neue Dimension, erst mit ihm findet der Dialog und Dialogwitz Eingang in die Kunstform des bewegten Bildes. Kameraspezifische Innovationen, wie die Erfindung des Dollys, folgten Schlag auf Schlag, und sie hatten enormen Einfluss auf die Art und Weise des Filmemachens und Filmerlebens.

Ilja Bohnet: Vergleichbares ist auch in der Musikentwicklung passiert. Das Schlagzeug im Jazz, die Einführung der E-Gitarre nach dem zweiten Weltkrieg. Überhaupt die Elektronisierung der Musik. Damit verbunden immer wieder die Entdeckung neuer musikalischer Pfade und Wege.

Ulrich Pleitgen: In der Filmgeschichte die Einführung des Farbfilms, „Blue Screen“ und „Green Screen“. Noch radikaler die Elektronisierung des Films, angefangen mit Computersimulationen wie in dem Science Fiction Film „Tron“ von Steven Lisberger aus dem Jahr 1982, bis hin zu hundertprozentig computeranimierten Filmen ohne lebendige Schauspieler, wie zum Beispiel in „Toy Story“ von den Pixar Animation Studios. Seelenlos, wenn du mich fragst, eine bedingt wünschenswerte Entwicklung. Nicht alle technischen Innovationen befördern die künstlerische Entwicklung. Zurzeit wird jedenfalls der Fehler gemacht, zu stark auf die technischen Möglichkeiten zu fokussieren. Seitdem beispielsweise die Steadicam existiert, diese spezielle Kamera, die der Kameramann mit sich herumträgt, und die dabei ruckartige Bewegungen auszugleichen versteht, werden die tollsten Dinge gemacht, aber in den seltensten Fällen befördern sie den künstlerischen Gehalt. Aber darum muss es am Ende gehen: Um die Kunst. Um sonst nichts.

Ilja Bohnet: Inwiefern spielt nicht auch die Digitalisierung des Fernsehprogramms eine Rolle? Der Produzent Oliver Berben spricht davon, dass der Anteil bei der digitalen Nutzung von Musik und Fernsehen steigt, was großen Einfluss auf die Programmkultur habe. »Jetzt gibt es Netflix, Amazon, Sky Deutschland, die Spartenprogramme von ARD und ZDF, wo plötzlich Sachen möglich werden. Jetzt wird sich zeigen, wie gut wir sind. Schaffen wir es, aus einem so spezifischen Programm ein großes Programm zu machen, das sich auch Leute anschauen, die das unter normalen Umständen nicht interessiert hätte?«

Ulrich Pleitgen: Das Internet-Fernsehen hat zweifellos Einfluss auf unsere Programmkultur, und es werden möglicherweise neue Konsumenten gewonnen. Inwiefern dies eine grundsätzliche Veränderung unserer Sehgewohnheiten mit sich bringt, wird sich zeigen.

Ilja Bohnet: Das gibt auch Oliver Berben zu. Wir wären überrascht zu erfahren, wie viele Leute sich nach wie vor an ein vorgegebenes Programmschema halten würden.

(Fortsetzung folgt.)

 

 

 

 

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