Outtakes aus Pleitgens Biografie – Heimat (2)

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21. September 2018 von ibohnet

Das eine oder andere hat nicht Eingang in Pleitgens Biografie gefunden. Darunter manche Perle, die ich nun im Rahmen dieser Blogbeiträge nachreiche.

Heute: Heimat (Teil 2) – vom sozialistischen Traum als politische Heimat

Ilja Bohnet: »Dem Nationalsozialismus ist der Glaube an die Ungleichwertigkeit der
Menschen und das Recht des Stärkeren inhärent«, sagt der Historiker Martin Sabrow, »während sich mit dem Kommunismus als politischem Manifest ungeachtet seiner strukturellen Gewaltorientierung und seines heilsgewissen Erlösungscharakters Ziele wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität verbinden, die mit seinem politischen Scheitern ihren Wert nicht verloren haben. Der sozialistische Traum lässt mehr Lesarten zu als der nationalsozialistische Zivilisationsbruch.«

Ulrich Pleitgen: Eine interessante Feststellung, die hier Sabrow formuliert, das glaube ich auch, wobei die Frage, woraus das ideologische Grundgerüst des Nationalsozialismus genau bestand, nicht einfach zu klären ist. Für mich steht fest, dass der Nationalsozialismus der Hitlerzeit mehr mit dem Kapitalismus zu tun hatte, als mit dem Sozialismus der Sowjetunion. Die Nazis agierten sozialpolitisch durchaus im Sinne Bismarcks, der in der Kaiserzeit soziale Töpfe geöffnet und soziale Erleichterungen installiert hatte, und ansonsten kapitalistisch, sie kombinierten letztlich kapitalistische mit kruden rassenideologischen Grundsätzen, gemäß dem Motto: »Wir sind die Besten!
Die anderen sind minderwertig!« Der Sozialismus dagegen ist – trotz der grauenhaften Verbrechen, die in seinem Namen geschehen sind – nicht vollständig diskreditiert, verdient meiner Meinung nach noch immer eine Chance. In der DDR ist er allerdings von alten Männern gemacht worden, die nichts als Misstrauen in sich trugen, das sie im KZ erlangt hatten.

Ilja Bohnet: Was hat der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus, insbesondere der Sowjetunion für dich bedeutet? Die Wende, die Maueröffnung, was hat das bei dir ausgelöst?

Ulrich Pleitgen: Da ist ein krankes System zu Tode gekommen. Die Politiker der DDR hatten auf Gorbatschow und seiner Politik der Glasnost und der Perestroika nicht reagiert. Der Prophet galt nicht viel im eigenen Land. Gorbatschow war der richtige Mann, um das alte System zu beenden, allerdings konnte er keinen Weg für eine Reform des Systems aufzeigen, keine Umwandlung auslösen. Und die Frage war ja auch: eine Umwandlung wohin? Zu einem humanen Sozialismus? Zu einem menschenwürdigen Kapitalismus? Das sind alles komische Wege, die die Leute nicht mitmachten, vielleicht aus gutem Grund. Ich habe lange geglaubt, dass der real existierende Sozialismus reformierbar sein würde, im Sinne eines genossenschaftlich organisierten Staates, als Fortentwicklung der LPG und so weiter. Ich habe ganz naiv gedacht, die bekommen das schon hin.

Ilja Bohnet: Hat es sich die Linke nicht nach dem Zusammenbruch des real-existierenden Sozialismus und der Wiedervereinigung etwas zu einfach gemacht mit der Aufarbeitung ihrer Historie, bei der Analyse der von ihr begangenen Fehler und Verbrechen?

Ulrich Pleitgen: Absolut, ja, ich glaube, eine solche Aufarbeitung hätte der Linken gutgetan. Schon zu Zeiten des kalten Krieges hieß es immer: »Die Menschen sind nicht reif für den Sozialismus.« Die Frage ist nur, wann sind sie denn reif? Der Sozialismus muss von der Mehrheit eines Volkes, einer Gesellschaft wirklich gewollt werden, damit er funktioniert.Wenn die Gesellschaft nicht will, wird man ihn nicht durchsetzen können, nicht mal mit Feuer und Schwert. Und deren Einsatz endet immer in der Katastrophe.

Ilja Bohnet: Der sozialistische Traum – eine verlorengegangenen Heimat?

Ulrich Pleitgen: Ich persönlich trage die Hoffnung, dass der Sozialismus kein Traum bleibt. Aber was passieren muss, damit die Menschen sagen: »Ja, wir wollen den Sozialismus!«, das weiß ich nicht. Doch bin ich nicht für eine Zwangseinführung, es hat sich gezeigt, dass so etwas nicht funktioniert. Ich kann mir nur vorstellen, dass bei Fortschreiten dieses schwierigen Lebens in einer globalisiertenWelt in einer zerfallenden Umwelt die Hoffnung nach etwas anderem, etwas Neuem wieder wächst. Wenn sich dieser romantische Traum nicht irgendwann in Form einer neuen Gesellschaftsordnung realisiert, dann fürchte ich, strebt alles auf einen kapitalistischen Großkonzern zu à la Schöne neue Welt von Aldous Huxley. Die Demontage des real-existierenden Sozialismus wurde sowohl von innen als auch von außen betrieben. Diese grauen, alten Männer, die keine demokratischen Strukturen zuließen, zerstörten die Idee des Sozialismus von innen heraus. Der kapitalistische Westen bekämpfte ihn mit allen Mitteln von außen. Eine wunderbare Allianz. Aber eine ausreichende Abrechnung mit der linken Historie hat im Nachgang ebensowenig stattgefunden. Und zu jedem Neuanfang gehört eine echte, radikale Abrechnung. Die Linke in Deutschland, und damit meine ich nicht nur die Nachfolgepartei der SED, hätte eine Fehleranalyse machen müssen, sich der Frage stellen müssen, welche der begangen Fehler, die zum Ende des real-existierende Sozialismus geführt haben, systemimmanent sind und auf ein grundsätzliches Problem in diesem Gesellschaftsmodell hinweisen. Aber die Linke hat auch mit dem Blick nach vorn ein Problem. Im Fall einer rot-rot- grünen Koalition sehe ich die Gefahr für die Partei „Die Linke“, dass die sozialistische Idee der Linken verwässert, die Wähler anschließend wieder geschlossen zur SPD zurückkehren.

(Fortsetzung folgt)

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