Outtakes aus Pleitgens Biografie – Heimat (1)

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19. September 2018 von ibohnet

Das eine oder andere hat nicht Eingang in Pleitgens Biografie gefunden. Darunter manche Perle, die ich nun im Rahmen dieser Blogbeiträge nachreiche.

Heute: Heimat (Teil 1) – über die eigene Heimat und den Heimatverlust, die Sprachheimat und die deutsche Heimat(un)verbundenheit

Ilja Bohnet: Was bedeutet Heimat für dich?

Ulrich Pleitgen: Heimat ist für mich die Summe meiner Erinnerungen: Berge, Wälder, Häuser, Brücken, Gärten und Straßen, der Rhein, die Spree, der Main und die Elbe, die Ost- und die Nordsee. Meine Heimat ist unsere herrliche Sprache, sind die Bücher, die ich immer wieder lese, die brandenburgischen Konzerte, die Bilder von Paula Modersohn-Becker und August Macke. Meine Heimat sind die Menschen in meinem Land: meine Mutter und Großmutter, mein Axel Wagner, mein Onkel Alfred, das Kind und die Enkelkinder, meine Frau, sie bilden den harten Kern meiner Heimat. Und meine Hamburger Wohnung auf der Uhlenhorst. Meine Heimat war auch unser Haus in Dohren in der Nordheide, das wir aus praktischen Gründen aufgeben mussten.

Ilja Bohnet: Ein verwunschenes Haus abseits der Zivilisation »in the middle of nowhere«.

Ulrich Pleitgen: Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen, weil das Haus für uns, deine Mutter und mich eine unwiederbringlich verlorene Heimat darstellt. Der Garten des Hauses ging nahtlos in Natur über. Wir pflegten und wir hegten diesen Garten in der „Wildnis“ eines Landschaftsschutzgebietes. Dort so etwas wie eine parkähnliche „Ordnung“ zu schaffen, war von großem Reiz. Dieses eine Hektar Land hatte sehr viel mit uns zu tun. In der Mitte ein reetgedecktes, kleines Haus (keine Villa). Drum herum gemähtes Gras, kleine Pflanzungen, ansatzweise zivilisiert und im Einklang mit der Anarchie der angrenzenden Natur. Auch in meiner charakterlichen Natur finden sich diese Eigenschaften: Ordnung, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und gleichzeitig dieser Ausbruch ins urwaldhafte, anarchische. Aber ich will nicht pathetisch werden, die Natur denkt nicht in den Kategorien der Menschen, sofern man überhaupt von der denkenden Natur sprechen sollte. Unser Garten in Dohren lebte, jeder Baum des Grundstücks war Solidität, jede Pflanze ein gehegtes Einzelwesen. Die Insekten, denen wir begegneten, wurden von uns aus nächster Nähe als ein Wunderwerk an Schönheit und Zweckmäßigkeit betrachtet. Ein Maulwurfshaufen machte uns nichts aus. Unsere Rosen waren wunderbar, machten uns Freude und ärgerten uns zugleich, weil man sie furchtbar pflegen musste: die Moosrosen mit den weichen Dornen, die nicht stechen; das bescheidene Schneewittchen, und dann die merkwürdige Christ-Rose, die keine Rose ist und Goethes Lieblingsblume war. Der dicke Rittersporn und viele Gartenblumen, Kulturpflanzen und Riesendisteln, daneben Fingerhut und alle Arten von Gräsern und Fahnen: Naturpflanzen, die sich den Garten immer wieder zurückholten. Ich glaube, wenn der Garten ein paar Jahre nicht gepflegt wird, könnte man den Ort mitsamt dem Haus darin nicht wiederfinden. Das ist ein reizvoller Gedanke, jedenfalls ein merkwürdiges Gefühl. Die einfache Gartenarbeit befreite mich von den komplizierten Gedanken im Kopf und ließ mich den Stress in der Stadt und im Beruf vergessen. Was war gestern, was ist morgen? Alles unwichtig, wichtig war nur der nächste Handgriff, der nächste Spatenstich. Der Kopf voll frischer Luft und auf schöne Weise leer.

Ilja Bohnet: Und wie denkst du über die Stadt, in der du geboren bist?

Ulrich Pleitgen: Ja, auch Hannover ist Heimat für mich. Ich habe die Stadt als junger Mann verlassen, mit dem leidenschaftlichen Gedanken: jetzt beginnt das Leben ohne elterliche Gebrauchsanweisung. Aber im Laufe der Jahre dachte ich immer wieder sehnsüchtig an die Stadt zurück, an die Straßen, in denen ich als Kind spielte, das Feuerwerk in Georgengarten, an meinen Lieblingsaffen im Zoo, der Ernstchen hieß.

Ilja Bohnet: »I met my love, by the gas works wall. Dreamed a dream, by the old canal. I
kissed my girl, by the factory wall. Dirty old town, Dirty old town.«

Ulrich Pleitgen: „The Dubliners“ und ihr Lied „Dirty Old Town“, wunderbar. Heimat bedeutet für mich in verschiedenen Lebensabschnitten unterschiedliches. Für Heimat können Menschen stehen, ganz ohne „Blut und Boden“. Heimat kann auch die generelle Sehnsucht nach Deutschland sein, nach den Wäldern, der Landschaft, dem Klima, den Städten. Im Ausland habe ich immer Sehnsucht nach dem deutschen Wald. Fest steht: Ich hänge an diesem Land. Das habe ich bei meinen Auslandsproduktionen immer sehr stark gespürt. Kanada, Frankreich, England: die Drehorte waren alle wunderschön und beeindruckend, herrliche Landschaften, wir kommen noch darauf zu sprechen, und trotzdem habe ich stets eine Sehnsucht nach meinem Heimatland verspürt, die Sehnsucht nach dem Zuhause, ganz komisch. Vor allem die Sprache ist für mich Heimat; ich liebe und lebe die deutsche Sprache. Mit ihr bin ich einfach und unwiderruflich verbunden.Wenn ich gezwungen wäre zur Emigration, ich wüsste, ich würde es nicht überstehen. Und in der Tat haben viele der Exilanten, die aus Nazideutschland in den
1930ern fliehen mussten und aus praktischen Gründen unter ihrem entbehrungsvollen Exilanten-Dasein litten, auch schrecklich an Heimweh gelitten.

Ilja Bohnet: Es ist erschütternd, wie viele der Schriftsteller und Dichter, die ins Exil gegangen sind, Suizid begangen haben: Ernst Toller, Joseph Roth, Stefan Zweig und viele andere.

Ulrich Pleitgen: Das mag an dieser Entwurzelung liegen, die sie erleben mussten, diese Abhängigkeit der Schriftsteller von der Sprachheimat. Als Fremdling kann man die intensiven Innereien einer Fremdsprache nur schwer erlernen, vielleicht sogar gar nicht. Die Gefühle und Empfindungen, die erst durch Verwendung eines bestimmten, sehr spezifischen Vokabulars zum Ausdruck kommen. Dinge, die Einheimische in ihrer Sprache auf selbstständige Weise weitergeben können, bleiben dem Fremdling der Sprache verschlossen. Das ist für einen Schriftsteller, der von der Sprache lebt, ein hartes Los. Wir unterhielten uns bereits über die bezaubernde Sprache der Menschen des Biedermeiers: Die Genauigkeit ihrer Schilderungen von Gefühlsvorgängen und Empfindungen. Das ist uns heute lebenden Deutschen fast schon nicht mehr möglich – es in einer fremden Sprache zu versuchen, ist im Grunde aussichtslos. Das macht auch die Übersetzungsarbeit von fremdländischer Literatur so unglaublich kompliziert. Die Ironie einer Sprache, die geheimnisvollen Gefühle, die subtil und verborgen artikuliert werden, das alles kannst du als Fremdsprachler in der Regel nicht zum Ausdruck bringen – weil es dir nie mitgeteilt wurde, auch nicht nonverbal.

Ilja Bohnet: Es gibt Ausnahmen. Ich denke zum Beispiel an Joseph Conrad, ein gebürtiger Pole, der in der viktorianischen Zeit nach England emigrierte, dort zunächst zur Marine ging, später dann Weltliteratur schrieb, und zwar auf Englisch: „Das Herz der Finsternis“ zum Beispiel, das auch Vorbild war für Werner Herzogs Verfilmung „Aguirre, der Zorn Gottes“ oder „Apocolypse Now“ von Francis Ford Coppola.

Ulrich Pleitgen: Natürlich gibt es die berühmten Ausnahmen von der Regel, und Joseph
Conrad sticht mit seinem Schreiben heraus, vielleicht gerade weil er kein „Native Speaker“ war. Es gibt auch in unserer Zeit beeindruckende Beispiele. Ich denke beispielsweise an russische Autoren, die nach Deutschland gekommen sind und hier auf Deutsch schreiben, nicht selten russische Juden mit deutschen Wurzeln. Ich bin mit einem jungen, deutsch-russischen Produzenten befreundet, Jakob Deutsch, der einen ganz starken deutsch-russischen Bezug hat und in diesen beiden Sprachen lebt.

Ilja Bohnet: Wie ist es mit Heinrich Heine, und dieses schöne Gedicht: „Denk ich an
Deutschland“. Drückt es nicht im Grunde genommen ein großes Heimweh aus?

Ulrich Pleitgen: Jawohl, Heinrich Heine hatte ein so großes Heimweh, dass er sein Exilland Frankreich über den grünen Klee loben musste. Heinrich Heine war urdeutsch, was immer das sein mag, aber auf ihn trifft es zu – verliebt in die Sprache, in den Rhein, in das Land. Eines der schönsten Gedichte für mich ist „Die Loreley“. Erst vor Kurzem habe ich es in einer Lesung vorgetragen: bei einer Frühjahrsveranstaltung zusammen mit einer Pianistin. Als ich es zu lesen begann, sind mir beinahe die Tränen gekommen. Ich war nicht sentimental, sondern auf echte Weise ergriffen, von den Gefühlen geradezu überschwemmt. Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um das Gedicht bis zum Ende vortragen zu können. Was Heine darin beschreibt, wie er nach oben schaut und die Loreley oben auf dem Berggipfel erblickt – ich kann nicht sagen, was das ist, aber wenn du dieses Gedicht liest oder hörst, bist du ergriffen.

Ilja Bohnet: Ist das nun etwas Deutsches, diese Ergriffenheit angesichts der Loreley? Können wir Deutsche das für uns alleine beanspruchen?

Ulrich Pleitgen: Ich weiß nicht, ich halte das Gedicht für sehr deutsch, so, wie ich auch Heinrich Heine für sehr deutsch halte, aber selbstverständlich dürfen auch andere Menschen aus anderen Völkern und Ethnien Heine und seine Dichtung für sich beanspruchen, ob aus Botswana oder auf Feuerland, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist nicht, dass dieses Gedicht essentiell und ausschließlich deutsch ist oder nur den Deutschen gehört. Ganz bestimmt geht es vielen, die nicht aus diesem Land stammen, und das Gedicht hören, ähnlich – sofern sie die Sprache verstehen. Aber es trifft die Menschen, die sich mit diesem Stück Erde verbunden fühlen, hier beheimatet sind, ins Herz.

Ilja Bohnet: Warum hat die deutsche links-liberale Öffentlichkeit ein solches Problem mit ihrer „Heimat“?

Ulrich Pleitgen: Das hängt nicht zuletzt mit der Nazizeit zusammen.Weil die Nazis den Begriff „Heimat“ für ihre Politik und Rassenideologie instrumentalisiert und missbraucht haben. Ich glaube aber, dass der Begriff Heimat im Grunde genommen nicht politisierbar ist. Außer, man führt etwas Übles im Schilde damit. Der deutsche Heimatbegriff aus der Nazizeit implizierte ja dieses: »Wir sind besser, unser Wald ist der beste, unsere Frauen, unsere Männer sind die besten.« Sobald die Heimatsbezogenheit verbunden ist mit einer Abwertung des anderen, des Fremdländischen, wird es höchst verdächtig. Der Heimatbegriff der Nazis, der schon zu wilhelminischen Zeiten missbraucht wurde, auch in Verbindung mit Rasse, ist diskreditiert. »Meine Heimat ist meine Rasse« ist diskreditiert.

Ilja Bohnet: Aber ist es politisch klug, aufgrund dieser Geschichte gar nicht mehr über Heimat zu sprechen? Den Deutschen ein Heimatgefühl abzusprechen? Der Journalist Paul Ingendaay schrieb unlängst, allen sei bewusst, »dass wir als Deutsche ein Benennungsproblem haben. Wir sagen ungern „Patriotismus“, „Vaterland“ oder
„Vaterlandsliebe“, dürfen zugleich aber nicht zulassen, dass andere es sagen. Sie könnten die Diskurshoheit an sich reißen und die falschen Dinge propagieren.« Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) plädierte Ingendaay zufolge auf einer Podiumsveranstaltung in Berlin dafür, die „Entheimatungsgefühle“ vieler Deutscher nicht nur zu beschimpfen, sondern ernst zu nehmen: »Wenn wir nicht die Hemmung ablegen, Deutschsein und Patriotismus für uns zu reklamieren, tun es die anderen umso hemmungsloser.«

Ulrich Pleitgen: Stimmt, das wäre sicherlich ein Fehler. Es gibt doch gar keinen Zweifel, dass wir Deutsche zu unserer deutschen Geschichte, auch mit ihren schrecklichen Seiten insbesondere in der jüngeren Geschichte, stehen müssen. Aber das darf nicht dazu führen, dass mir jemand sagt, dass ich dieses Land nicht lieben darf. Das empfände ich als eine Unverschämtheit, die ich niemandem zubillige.

Ilja Bohnet: Der Brite sagt: »Good or wrong – my country!«

Ulrich Pleitgen: Das ist ein Spruch, mit dem die Briten in einem Atemzug ihre problematische Kolonialgeschichte zudecken. Andererseits ist auch etwas dran an dem Satz. Es nützt ja nichts, so zu tun, als sei Deutschland nicht »my country«.

Ilja Bohnet: Simone Peter von den Grünen soll auf derselben Podiumsveranstaltung, von der auch das Zitat von Thierse stammt, gesagt haben, sie kenne viele, die sich
»eher als Europäerinnen« sähen denn als Deutsche.

Ulrich Pleitgen: Na toll, mit dieser typisch deutschen Einstellung kann sie ja mal in unsere Nachbarländer fahren und die Menschen dort befragen, ob die das genauso sehen. Man kann es drehen und wenden wie man will, man wird nicht weniger ein Deutscher, nur weil man sagt, dass man keiner sein will. Vielmehr sollte man sagen, dass man Deutscher ist, ohne sich andere Nationen zu eigen zu machen (»wir sind doch alle Europäer«), oder sich zwanghaft von ihnen abzugrenzen (»wir sind besser als andere«). Die Deutschen sind nicht die Krone der Schöpfung, weil es schlicht keine Krone der Schöpfung gibt. Und die Dinge, die passiert sind in diesem Land, die muss man annehmen und nicht leugnen. Eine Empfehlung, die ich auch anderen Landsmännern und -frauen aussprechen möchte: Den Briten, wir sprachen gerade darüber, mit ihrer Kolonialgeschichte. Die der Belgier – Stichwort Joseph Conrad und Belgisch Kongo – ist nicht weniger grausam: Millionen von toten Afrikanern unter König Leopold II. Die Franzosen haben übrigens bis vor kurzem noch den Algerienkrieg offiziell nicht als „Krieg“ bezeichnet und eine solche Bezeichnung unter Strafe gestellt (trotz der mehr als eine Millionen Toten), die Türken weigern sich bis zum heutigen Tag, den Genozid an den Armeniern als ein staatlich verordneten Völkermord des osmanischen Reiches anzuerkennen. Man kann und sollte das alles nicht gegeneinander aufwiegen und aufrechnen, aber jeder von uns, nicht nur wir Deutsche, hat eine Verantwortung seiner eigenen Geschichte gegenüber. Nehmen wir meine eigene zum Beispiel: Ich liebte meine Großmutter über alle Maßen. Wie ich erst sehr viel später herausgefunden habe, war sie offenbar im Dritten Reich eine Mitläuferin ersten Ranges gewesen, überdies befreundet mit Frau Ohlendorf. Herr Ohlendorf, der Mann von Frau Ohlendorf, war im Zweiten Weltkrieg SS-Gruppenführer, Generalleutnant der Polizei und Chef eines Sondereinsatzkommandos, das in der Etappe des eroberten sowjetischen Gebiets Tausende Juden liquidierte. Im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg war Ohlendorf einer der Hauptzeugen der Anklage, im darauf folgenden Einsatzgruppen-Prozess war er selbst Angeklagter und wurde zum Tode verurteilt. Seine Frau war die beste Freundin meiner Großmutter – das pure Grauen, wie dicht der Genozid an den Juden plötzlich an meiner eigenen Geschichte dran ist. Diese Frau Ohlendorf war manchmal bei uns zu Besuch. Sie sprach mit spitzem Stein. Mir wird schwindelig, wenn ich daran denke. Es hilft nichts, wenn ich sage, ich bin kein Deutscher. Man muss es als Teil der Geschichte sehen, die zum eigenen Leben gehört. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

(Fortsetzung folgt)

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