Outtakes aus Pleitgens Biografie – Über die Schauspielerei (1.2)

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15. September 2018 von ibohnet

Das eine oder andere hat nicht Eingang in Pleitgens Biografie gefunden. Darunter manche Perle, die ich nun im Rahmen dieser Blogbeiträge nachreiche.

Heute: Über die Schauspielerei (Teil 1.2) – Der Emotionale und der Rationale Schauspielertypus und über Beredsamkeit

Ilja Bohnet: Dich interessieren die Menschen und ihr Agieren, ihre psychologische Mechanik und Unergründlichkeit. Gleichzeitig bist du dein eigener Fundus, um Figuren zu spielen, dich in verschiedene Charaktere hineinversetzen zu können.

Ulrich Pleitgen: Absolut. Auch die Figur eines Mörders bereitet mir mental keine Probleme. Habe ich schon gespielt. Mehrfach und mit Lust und Leidenschaft. Auch ein Mord hat eine Ursache. Entweder es geht um Geld, oder es geht um Liebe – dem Verlassen-Werden oder Verlassen-Sein. Das Gefühls- und Seelenleben eines Mörders kann ich absolut in mir erzeugen.

Ilja Bohnet: An welche Figur denkst du beispielsweise?

Ulrich Pleitgen: Zum Beispiel an die Rolle, die ich in dem Tatort Voll auf Hass spielte, einen bürgerlichen, absolut aufgeräumten Mann, der zu einem Gewalttäter wird. Ein Mann, den am Schluss sein Gewissen überfällt. Er hat am Ende alles verloren: seine Tochter, die er geliebt hat und um die sich die Geschichte dreht, seine Frau, seine Freiheit, vielleicht sogar sein Leben. Der türkische Vater, dessen Sohn er umgebracht hat, will ihn aus Rache erschießen. Am Schluss des Drehs war ich in einem Zustand der absoluten Trauer und Verzweifelung. Ich weiß nicht warum, ich war diese Person, die ich da spielte ja nicht wirklich, und andererseits war ich sie so sehr, dass ich mich nicht mehr halten konnte. Ich konnte meine Tränen nicht mehr halten, konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen.

Ilja Bohnet: Bleiben wir noch ein bisschen bei dieser Art der Empathie und Einfühlung in das Seelenleben einer Figur. Du gehst offenbar gefährlich nahe in das Seelenleben der Figur hinein, richtig?

Ulrich Pleitgen: Auf micht trifft das zu, aber nicht unbedingt auf alle Schauspieler. Es gibt hervorragende Schauspieler, die ganz kühl an die Sache herangehen, die ihre Rolle dennoch wahnsinnig gut spielen. Ich dagegen kann es nur so: ich muss Eintauchen in das Seelenleben der Figur. Und es bereitet mir auch die größte Lust, diesen Riesenschritt zu machen, hineinzugehen  in einen ganz fremden Menschen, und der Rolle so viel realen Grund zu verleihen, wie möglich – eine Realität, die ich der Figur unterstelle, aber eigentlich nur erfühlen kann. Ich stehe da in meiner Rolle wie im besagten Tatort und bin tatsächlich tief verzweifelt. Das ist diese Art von empathischer Schauspielerei. Die andere ist die kühle Schauspielerei. Unter Umständen kann man gar nicht genau bemerken, welcher Art genau ein Schauspieler anhängt, es gibt Schauspieler, die technisch so gut sind, dass sie das alles erzeugen können, ohne selber betroffen zu sein. Ich kann das nicht. Ich bin technisch nicht so gut.

Ilja Bohnet: Es gibt also den rationalen und den emotionalen Schauspielertypen. Aber ist die emotionale oder empathische Schauspielerei nicht eine Form von Schizophrenie?

Ulrich Pleitgen: Ich nenne den emotionalen Schauspielertypen den „Identifikator“. Mit Schizophrenie hat das nichts zu tun. Ich kann jederzeit wieder aus der Rolle aussteigen. Es bedeutet nicht, dass ich plötzlich wie ein Wahnsinniger herumlaufe, bloß weil ich die Rolle eines Wahnsinnigen gespielt habe. Ein Paradebeispiel eines emotionalen Schauspielertypen ist für mich Wolfgang Kieling. Einer meiner Lieblingsschauspieler, hochgeschätzt. Kieling hatte alles in sich. Allein schon die Augen, mit denen er Geschichten erzählte, trafen mich mitten ins Herz. Mir fällt bei seinem Spiel nichts ein als: »Ja, so sind Menschen.« Kieling war nie brillant, er jonglierte nie mit goldenen Bällen, und er trat nie auf mit dem unbescheidenen: »Schaut her, ich bin´s.« Er spielte zum Beispiel in dem Film Im Reservat von 1973 mit der wunderbaren Johanna Hofer als Partnerin einen sensiblen, verletzten Transvestiten, der in seiner „Echtheit“ nicht zu übertreffen war. Da habe ich gesehen, wohin ich schauspielerisch möchte. Meine Forderung an mich selbst ist, dass der Zuschauer für wahrhaftig hält, was ich auf der Bühne oder bei der Filmarbeit mache. Die größte Freude ist es, wenn die Leute auf der Straße zu mir sagen: »Sie waren so echt.« In Petticoat, eine sechsteilige Fernsehserie über das Erwachsenwerden in Deutschland Mitte der 1950er Jahre, spielte ich den Vater einer Bauernfamilie. Und das, obwohl ich doch als extrovertierter Stadtneurotiker verschrien bin. Ich fuhr in Vorbereitung für diese Rolle drei Tage vor Drehbeginn in die Lüneburger Heide zum Studium des Dorflebens und sah dort den Bauern zu, wie sie mit ihren Tieren, den schweren Geräten und Fuhrwerken hantieren und umgehen. Wie sind die Landmenschen, wie ist ihre Mimik, ihre Gestik, ihre Körpersprache? Wenn einer auf dem Land nach jemandem ruft, dann dreht der andere sich nicht hektisch um, sondern er macht das langsam und mit Bedacht. Sowas muss man sich genau angucken und gesehen haben, um es dann ins Rollenspiel einbringen zu können (womit ich Vanessa Redgrave mit ihrer Empfehlung an Schauspieler, die Menschen auf der Straße zu studieren, doch ein bisschen recht geben muss). Wenn du zum Beispiel selbst mal solche schweren Pferde wie Haflinger geführt hast, eins rechts und eins links, dann spürst du, wie kraftvoll und langsam diese Kaltblüter sich bewegen. Man fühlt ihre Gutmütigkeit. Die geht auf einen über. Und eben auch die gelassene Behäbigkeit dieser Menschen, die körperlich schwer arbeiten und Kraft sparen müssen. Deshalb rennen sie nicht, sondern gehen langsam. Das Stetige, das Zuverlässige, das sind Eigenschaften, die in die zu spielende Figur einfließen müssen. Ich stand auf dem Hof wie der wirkliche Bauer, mit den Fäusten in den Hüften, und ich spürte, wie ich von Ruhe erfüllt war. Wenn ich am Wochenende nach Hause kam, brachte ich diese Gelassenheit mit in meine quirlige, verwunderte Familie. Ich hatte plötzlich keine Eile mehr. Aber bitte nicht missverstehen – ich halte das emotionale Schauspiel nicht per se für die richtige Art. Richtig ist das, was am Ende richtig erscheint: Ein richtiger Mensch, der durch die Schauspielerei entsteht. Entscheidend ist nicht die Art der Schauspielerei, sondern bloß das Ergebnis. Es ist vollkommen egal, ob das auf meinem Wege erzielt wird oder auf andere Weise, nämlich auf dem Wege der Konstruktion. Aber für mich gilt: wenn ich mich nicht identifizieren kann, kann ich die Rolle nicht richtig spielen.

Ilja Bohnet: Das Stichwort hier wie auch in anderen Kunstbereichen lautet: Authentizität.

Ulrich Pleitgen: Völlig richtig, um genau die geht es. Aber auch um die Lust am Spiel: Eine großartige Möglichkeit, Menschen kennenzulernen. Denn es bereitet mir Lust, Menschen kennenzulernen. Ich komme zum Beispiel von meinem alltäglichen Einkauf regelmäßig zu spät nach Hause, beladen mit sechs Einkaufstüten an jeder Hand, weil ich auf dem Nachhauseweg dauernd mit Leuten reden muss. Ich tue das aber nicht aus schauspielwissenschaftlichen Gründen – Menschen kennenlernen und studieren à la Redgrave. Überhaupt nicht. Mich interessieren die Menschen einfach. Was mich weniger interessiert sind die Krankheiten der Menschen, davon wird mir manches mal erzählt, aber Krankheiten habe ich selber, dafür interessiere ich mich nicht. Aber mit Menschen zu reden, etwas über fremde Schicksale zu erfahren, finde ich hochinteressant. Das hat zunächst einmal nichts mit meinem Beruf zu tun. Ich bin ein Kommunikator. Ich rede gern, manchmal Quatsch und hin und wieder Kluges, manchmal merke ich auch: Himmel, ich muss weg hier. Aber oft denke ich: was für eine tolle Unterhaltung. Ich bin halt jemand, der sich gerne unterhält.

Ilja Bohnet: Brauchst du nicht auch Einsamkeit und Zeit für Besinnung?

Ulrich Pleitgen: In den vier eigenen Wänden bisweilen, aber doch nicht auf der Straße und in der Stadt. Die Vorstellung, alleine in einem Taxi zu sitzen und kein Wort zu reden, ist mir unerträglich. Deshalb setze ich mich bei Taxifahrten grundsätzlich nach vorne neben den Fahrer und zwinge ihn, mit mir zu sprechen. Natürlich gehört das auch zum Schauspielerdasein, Menschen bei ihrer Beschäftigung zu beobachten, darunter in Gewerken, mit denen man normalerweise nichts zu tun hat, zumindest nicht direkt. Das ist aber doch das Interessante: auf theoretischem Wege praktisch Menschen kennenzulernen. Deshalb sage ich immer, beim Lesen, Schreiben und eben auch beim Spielen lernst du Menschen kennen, wie du sie anders niemals kennenlernen könntest. Es gibt dieses Magische, was immer wieder passiert, dass sich eine Figur verselbstständigt, ich denke, das ist beim Schreiben wie in der Schauspielerei ein ähnliches Erlebnis. Was du beim Schreiben erlebst, erlebe ich beim Schauspielern. Da passieren Dinge, die nicht geplant sind. Ich halte mich als Schauspieler natürlich an das Drehbuch, das Spiel an sich ist weitestgehend geplant und eingerahmt, und trotzdem entwickelt sich etwas ganz anderes daraus, entwickelt das Spiel eine Eigendynamik, entfernt sich von der ursprünglichen, vorgezeichneten Linie. Mich macht das verrückt vor Begeisterung.

(Fortsetzung folgt)

 

 

 

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