Der gefälschte Galilei (II) oder: Merkzettel für Gutachter

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3. Januar 2014 von ibohnet

Ilja Bohnet im Interview mit Dr. Nikola Rührmann, Gründerin und Vorsitzende der Stiftung zur Rettung der Welt – eine Stiftung zur Förderung des literarischen Schreibens.

Nikola Rührmann: Lieber Ilja Bohnet, wir hatten über den Fälschungsskandal im Zusammenhang mit der angeblichen Spezialausgabe des „Sidereus Nuncius“ von Galileo Galilei gesprochen, die von einem internationalen Expertenteam für echt befunden wurde, bis es zur spektakulären Aufklärung kam und sich das Buch als Fälschung erwies. Was muss man Ihrer Meinung nach als Gutachter bei der Beurteilung spektakulärer Funde beachten?

Ilja Bohnet: Ich bin weder Kunsthistoriker, noch habe ich kunsthandwerkliche Fachkenntnisse bzw. die Kenntnisse eines Restaurators, festzustehen scheint aber, dass Kunstfälschung heutzutage sehr ausgeklügelt läuft, ich verweise mit Blick auf die antiquarische Buchfälschung einfach mal auf den Blog zu an almost perfect forgery.

Aber abseits der fachspezifischen Kenntnisse, die bei der Beurteilung eines Gegenstands zu beachten sind, muss man sich meines Erachtens als Gutachter davor hüten, zu begeistert von dem „sensationellen Fund“ zu sein, man muss skeptisch bleiben.

Nikola Rührmann: Das fällt dem Gutachter, der sich von der Entdeckung eines möglicherweise „sensationellen Fundes“ Ruhm und Anerkennung verspricht, natürlich schwer.

Ilja Bohnet: Klar, hier Ruhe zu bewahren angesichts eines möglicherweise „Jahrhundertfunds“, wie es die Spezialausgabe von „Sidereus Nuncius“ von Galileo Galilei zweifellos gewäsen wäre, ist eine große Herausforderung. Vielleicht hilft ein kleiner Ratgeber, wie ihn Arthur C. Clarke für die Zukunftsforschung entwickelt hat.

Nikola Rührmann: Wie sah der aus?

Ilja Bohnet: Der 2008 verstorbene Science Fiction Autor Arthur Charles Clarke (der u. a. das Drehbuch von „2001 – Odyssee im Weltraum“ schrieb), stellte der Beurteilung über die Realisierbarkeit von wissenschaftlich-technischen Ideen und Spekulationen folgende Prämissen voran:

1. Stellt ein erfahrener, distinguierter Wissenschaftler fest, dass etwas möglich ist, dann hat er fast mit Sicherheit Recht. Behauptet er, etwas sei unmöglich, dann hat er sich sehr wahrscheinlich geirrt.

2. Alles, was theoretisch möglich ist, wird technisch auch realisiert.

3. Jede hinreichend weit entwickelte Technologie ist von dem Außenstehenden nicht mehr von Zauberei zu unterscheiden.

Nikola Rührmann: Was heißt das nun in Bezug auf Kunstfälschung?

Ilja Bohnet: Ich würde Clarkes Prämissen der Zukunftsforschung einmal in unseren „Review“-Kontext übersetzen:

0. Ist der Gutachter begeistert von dem Fund, dann ist er möglicherweise nicht skeptisch genug (siehe die erste der vier Grundregeln von Descartes – die Skepsis: Nichts für wahr halten, was nicht so klar und deutlich erkannt ist, dass es nicht in Zweifel gezogen werden kann).

1. Stellt ein erfahrener, distinguierter Wissenschaftler fest, dass etwas „echt“ ist, dann heißt das noch gar nichts. Behauptet er dagegen, etwas sei „gefälscht“, dann hat er wahrscheinlich gute Gründe und sich nicht geirrt.

2. Alles, was theoretisch fälschbar ist, wird auch gefälscht.

3. Jede hinreichend weit entwickelte Fälschung ist von dem Außenstehenden nicht mehr vom Original zu unterscheiden.

Nikola Rührmann: Ist das alles?

Ilja Bohnet: Bleibt schließlich noch die „nüchterne“ Schlussbetrachtung des sensationellen Fundes. Eine wichtige Frage ist: Was ist eigentlich so sensationell daran (abgesehen davon, dass der Fund vom großen XY stammen soll)? Es zeigt sich nämlich bei nüchterner Betrachtung, dass diese scheinbar so sensationellen Funde, ob es die „phantastischen Aquarellzeichnungen von Galileo Galilei“ sind (“astronomical blunder”, Owen Gingerich) oder die Beltracchi-Fälschungen von Campendonk: Die Sachen sind für sich betrachtet, wenn sie alleine stehen ohne Verbindung zu einem großen Namen, „flach“, inhaltsleer, sinnlos, alles andere als genial, sinnlose Kopien, sie wirken nach der Entzauberung plötzlich nicht mehr, wie ein lieblos geschmückter Weihnachtsbaum, behangen mit Kunstmerkmalen des gefälschten Künstlers als stereotypes Lametta.

Nikola Rührmann: Also mehr Mut zur Nüchternheit. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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2 Kommentare zu “Der gefälschte Galilei (II) oder: Merkzettel für Gutachter

  1. […] den Skandal hier, hier und hier und zu guter Letzt auch aus deutschen Landen hier, hier, hier (Teil 2 und Teil 3) – und eine 66-seitige […]

  2. […] verweisen auf meinen Artikel, eine weitere ausführliche Auseinandersetzung findet sich hier (Teil 2, Teil 3). Auf Nachfrage erhielt ich außerdem die Information, dass es von Horst Bredekamp ein […]

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